Sachsens konsequenter Weg zur Mountainbike-Destination | Ride MTB

Sachsens konsequenter Weg zur Mountainbike-Destination

Die Blockline im Erzgebirge eignet sich perfekt für Familien

Im Osten Deutschlands entsteht eine Mountainbike-Region, die dank ihrer Einzigartigkeit das Zeug hat, in der Liga der ganz Großen Europas mitzuspielen. Dahinter stehen jahrelange strategische Planung und die politische Erkenntnis, dass Bike-Tourismus ein Wirtschaftsfaktor sein kann.

Schon zu DDR-Zeiten war Sachsen das alpine Zentrum des Ostens. Das Elbsandsteingebirge der Sächsischen Schweiz gilt als Eldorado für Kletterer, das Erzgebirge sowie das Vogtland sind für ihre Skigebiete bekannt. Nach der Wende in den 1990er-Jahren hielt der Mountainbike-Sport Einzug in Sachsen. «Es herrschte Aufbruchsstimmung, die ersten Singletrails sind entstanden», erinnert sich Tilman Sobek, der als Geschäftsführer von absolutGPS eine führende Rolle bei der Entwicklung Sachsens zur Mountainbike-Destination einnimmt.  

Das Bundesland will zu einer der führenden Mountainbike-Destinationen Deutschlands und Mitteleuropas werden. Was zunächst nach einem Nischenthema klingt, ist in Wahrheit Teil einer umfassenden Tourismus- und Strukturstrategie des Freistaats. Hinter dem Vorhaben steckt die Erkenntnis, dass Mountainbiken längst kein Randphänomen mehr ist, sondern ein boomender Freizeit- und Wirtschaftsfaktor. Gleichzeitig soll der Ausbau des Mountainbike-Angebots helfen, Regionen im Mittelgebirge wirtschaftlich zu stärken, den Ganzjahrestourismus auszubauen und neue Zielgruppen anzusprechen.

Die Grundlage dafür bildet die 2021 vorgestellte «Fachplanung Mountainbike-Tourismus des Freistaates Sachsen», die vom Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft, Kultur und Tourismus gemeinsam mit dem Landestourismusverband Sachsen erarbeitet wurde. Ergänzt wird sie durch die Arbeit der Sächsischen Netzwerkstelle für Mountainbike-Tourismus sowie zahlreiche konkrete Projekte in den Regionen. Dass das Thema politisch ganz oben im Staatskabinett angesiedelt ist, wo sich der Ministerpräsident und seine Minister direkt damit befassen, zeugt von der Bedeutung, die man ihm in Sachsen beimisst, unterstreicht Sobek: «Das ist in Deutschland einzigartig.»

Mountainbiken als Zukunftsmarkt

Gerade für den ländlichen Raum Sachsens eröffnet das Mountainbiken sowie Radtourismus allgemein enorme Chancen. Der Freistaat verfügt mit Erzgebirge, Vogtland, Sächsischer Schweiz und Zittauer Gebirge über mehrere Mittelgebirgsregionen, die ideale Voraussetzungen für naturnahe Bike-Angebote bieten. Hinzu kommen bereits bestehende Leuchtturmprojekte wie der Stoneman Miriquidi im Erzgebirge, das TrailCenter Rabenberg, die Bikewelt Schöneck oder der Black Mountain Bikepark Elstra. Diese Angebote haben Sachsen schon früh zu einem wichtigen Standort im deutschen Mountainbike-Tourismus gemacht.

Schon mit dem Entstehen der ersten Mountainbike-Initiative im Jahr 2008 wird systematisch an der Vermarktung und Verankerung des Sports gearbeitet. Das bedeutete aber anfangs viel Überzeugungsarbeit, wie Sobek erklärt: «Sieben Jahre lang hat das gedauert und wir mussten uns mit den selben Problemen befassen, wie auch anderswo. Es waren dieselben Vorbehalte, die es auch in anderen Regionen und bei den diversen Stakeholdern von Naturschutz, Forst- und Landwirtschaft gibt.» Mit der Broschüre «Sax Tracks» gehörte der Freistaat zu den Pionieren unter den deutschen Bundesländern. Später kamen weitere Projekte hinzu, etwa 2015 das erste deutsche Trailcenter am Rabenberg oder die Blockline im Osterzgebirge.

Parallel dazu entwickelte sich jenseits der Grenze in Tschechien ein Mountainbike-Angebot und so entstand ab 2016 der so genannte Bike-Belt. Dahinter verbirgt sich eine einzigartige, grenzüberschreitende Kooperation. «Man kann hier Trails fahren, die Staatsgrenze überwinden, was eine ganz spezielle Exotik mit sich bringt», sagt Sobek. Mittlerweile umfasst dieses grenzüberschreitende Bike-Angebot auch Strecken, die nach Polen führen. Die langfristige Strategie geht dabei weit über Sachsen hinaus. Der Freistaat versteht sich als «Herzland» des sogenannten MTB:Belt – einer grenzüberschreitenden Mountainbike-Großregion zwischen Sachsen, Tschechien, Polen, Bayern und Österreich. Erklärtes Ziel ist es, gemeinsam eine internationale Bike-Destination mit hoher Angebotsdichte aufzubauen.

Strukturwandel und Ganzjahrestourismus

Mit der Mountainbike-Strategie will Sachsen dem Strukturwandel, in dem sich seine Mittelgebirgsregionen befinden, Rechnung tragen. Vor allem das Erzgebirge und andere Wintersportgebiete stehen unter Druck, weil der Klimawandel schneesichere Winter zunehmend seltener macht. Die Fachplanung verweist auf Prognosen, wonach Frosttage und wirtschaftlich nutzbare Schneeperioden in den kommenden Jahrzehnten deutlich zurückgehen werden.

Mit dem Ausbau von Bike-Angeboten soll der Tourismus unabhängiger vom Wintergeschäft werden. Statt nur wenige Monate im Jahr Gäste anzuziehen, sollen Regionen ganzjährig attraktiv werden. Bestehende Infrastruktur wie Liftanlagen, Hotels oder Gastronomiebetriebe kann dadurch besser ausgelastet werden. E-Mountainbikes spielen dabei eine zentrale Rolle, weil sie die Zielgruppe für Bike-Angebote in den Mittelgebirgsregionen maßgeblich vergrößern.

Konflikte und Probleme

Trotz aller Ambitionen, bleibt das Thema politisch sensibel. Denn Mountainbiken findet überwiegend in Natur- und Waldgebieten statt. Deshalb betont die Fachplanung immer wieder, dass Naturerlebnis und Naturschutz zusammen gedacht werden müssen. Um Vorbehalte zu entkräften, holt man sich Inputs bei Best Practice-Beispielen. So besuchte eine sächsische Delegation mitsamt zuständiger Tourismusministerin 2023 Schottland, das mit seinen Gegebenheiten als Vorbild dienen könnte. 

Sobek macht keine Hehl daraus, dass man auch in Sachsen Rückschläge am Weg zur Mountainbike-Destination hinnehmen musste. So legte das Umwelt- und Landwirtschaftsministerium 2023 einen Erlass vor, durch das das Anlegen neuer Singletrails deutlich schwieriger wurde. So existiert in Sachsen eine 2,5 Meter-Regelung, ähnlich jener in Baden-Württemberg. Auf Wegen, die schmaler als 2,5 Meter sind und die nicht fürs Radfahren freigegeben wurden, droht ein Bußgeld. Doch derartige gesetzliche Grundlagen machen es für die Projektentwicklung nicht einfacher. 

Die Fachplanung setzt auf einen respektvollen Umgang aller Waldnutzer miteinander und hebt dabei die Rolle des Mountainbikens als legitime Form der Erholung im Naturraum hervor. Das zentrale Stichwort zur Konfliktvermeidung lautet Besucherlenkung. Statt unkontrollierter Nutzung sollen attraktive und offiziell geplante Strecken dafür sorgen, dass sich Besucherströme gezielt lenken lassen. Dadurch sollen Konflikte mit Wanderern, Waldbesitzern, Forstwirtschaft oder Naturschutz minimiert werden.

Wo steht Sachsen heute?

Seit der Veröffentlichung der Fachplanung im Jahr 2021 ist viel passiert. Trotz Rückschlägen und Schwierigkeiten sei man am richtigen Weg, ist Sobek überzeugt. Der Freistaat hat eine eigene Sächsische Netzwerkstelle für Mountainbike-Tourismus eingerichtet, die die Umsetzung der Strategie koordiniert. Die Stelle unterstützt Regionen, Kommunen und Projektträger bei Planung, Kommunikation und Konfliktmanagement.

Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren mehrere konkrete Projekte umgesetzt oder erweitert. Die Blockline im Osterzgebirge entwickelte sich zu einem der bekanntesten Bike-Angebote Sachsens. Die rund 140 Kilometer lange Strecke verbindet mehrere Orte im Erzgebirge und richtet sich ausdrücklich auch an Familien und Freizeitbiker. Auch grenzüberschreitende Projekte gewinnen an Bedeutung. In der Sächsisch-Böhmischen Schweiz entstehen mit den «Borderless Trails» neue gemeinsame Angebote mit tschechischen Partnern. Gleichzeitig investieren verschiedene Regionen in Pumptracks, Skillparks, Trailnetze und Bike-Infrastruktur.

2025 fand außerdem erstmals ein «Sächsischer Bikegipfel» statt, bei dem sich Tourismusakteure, Kommunen, Vereine und die Bike-Szene austauschten. Die Netzwerkstelle spricht inzwischen von einem deutlichen Aufbruch im sächsischen Rad- und Bike-Tourismus. Momentan passiert viel Arbeit im Hintergrund. «Auch wenn man im Moment als Außenstehender den Eindruck gewinnen könnte, die Entwicklung habe an Fahrt verloren, passiert hinter den Kulissen viel. In den kommenden drei bis fünf Jahren wird sich Sachsen wieder einen sehr großen Schritt in Richtung Mountainbike-Destination weiterbewegen», prognostiziert Sobek.

«Neue Horizonte» beim deutschen MTB-Kongress

Bis 2030 will Sachsen zu einer der führenden grenzüberschreitenden Mountainbike-Destinationen Europas werden. Über dieses und andere zukunftsweisende Projekte wird von 16. bis 18. Juni beim neunten deutschen Mountainbike-Kongress, der in Aalen stattfinden wird, gesprochen. Auch absolutGPS-Geschäftsführer und Sachsen-Experte Tilman Sobek wird dort auftreten und über Zukunftsbilder im Radtourismus referieren.