Supersize-Me im Enduro-Rennsport
Jared Graves gewinnt im kanadischen Mountainbike-Mekka Whistler sein drittes World-Series-Rennen der laufenden Enduro-Saison. Mit diesem erneuten Erfolg und seiner konstanten Leistungen dürfte den Australier kaum noch etwas vom Gesamtsieg abbringen. Graves holt sich den Sieg erst auf der letzten und mit rund 22 Minuten Fahrzeit längsten Etappe. Dort gut 20 Sekunden schneller als seine direkten Konkurrenten, sind es in der Endabrechnung nicht mal drei Sekunden Vorsprung – auf rund 50 Minuten gesamte Fahrzeit – die Graves auf den zweitplatzierten Nico Lau (FRA) hat. Dahinter erreicht der US-Amerikaner Curtis Keene seinen ersten Podestplatz im Rahmen der Enduro-World-Series.
Im Kampf um die Podestplätze kann René Wildhaber dieses Mal nicht mitmischen. Nach seiner Einschätzung durch das viele Training schlecht erholt ins Rennen gegangen, kommt Wildhaber nicht wie gewohnt auf Touren. Erst die letzte Etappe, auf welcher er die fünftbeste Zeit fährt, bringt ihn wieder ein Stück vor. Am Ende fehlen Wildhaber fünf Sekunden für die Top-Ten.
Anders jedoch weniger glücklich läuft es Ludovic May. Der Romand startet auf der ersten Etappe mit der achtbesten Zeit ins Rennen. Auf der zweiten Etappe haut es ihn sprichwörtlich aus den Schuhen. Bei einem Sturz verliert May einen Schuh und bekommt diesen nicht in nützlicher Frist an den Fuss zurück, da es beim Sturz die Schnalle verklemmt hat. Er fängt sich danach wieder und kann an Boden gut machen. Allerdings reicht es May für nicht mehr, als den 25. statt einem möglichen Top-Ten-Rang.
Ravanels erster Sieg
Die frühere Cross-Country-Spezialistin Cecile Ravanel fährt in Whistler zu ihrem ersten Sieg in der Weltserie. Sie entscheidet bereits die erste Etappe für sich, muss sich danach allerdings als Zweite hinter ihrer Landsfrau Anne Caroline Chausson einreihen. Deutlich schneller als die Gesamtführende Tracy Moseley (GBR), entscheidet Ravanel die letzte Abfahrtsprüfung für sich. Chausson fährt einen Defekt ein und muss sich am Ende, bitter enttäuscht, mit Rang drei abfinden.
Eine starke Vorstellung liefert Lorraine Truong ab. Die Romande fährt Etappe für Etappe Top-5-Zeiten und ist kurz davor diese Position auch zu halten. Auf der letzten Etappe ist Truong derart Müde, dass sie diese nicht im vollen Renntempo, sondern auf Sicherheit fährt, um böse Stürze zu vermeiden. Folglich verliert sie ihren fünften Rang an die Neuseeländerin Rosara Joseph, darf aber immer noch an Rang sechs, ihrem bisher besten Resultat erfreuen.
Nicht wie gewünscht ergeht es den Zwillingen Anita und Carolin Gehrig. Beide kommen nicht auf Touren, was sich auch in ihren Etappenzeiten niederschlägt. Dank der sechstbesten Zeit auf der letzten Abfahrt schafft Anita noch den Sprung in die Top-Ten. Carolin beendet das Rennen auf Rang 16.
Erschöpfungszustände und Tränen
Die Vorfreude der Enduro-Athleten auf die grandiosen Strecken im Whistler Bikepark wird ein wenig gedämpft, als Etappenplan veröffentlicht wird. Die Veranstalter muten den Teilnehmern satte 2'400 Höhenmeter zu, die sie auf Verbindungsetappen aus eigener Kraft bewältigen müssen. Zum Vergleich; beim World-Series-Rennen in La Thuile hatten die Athleten auf zwei Tage verteilt rund 1'000 Höhenmeter zu erklettern. Die restlichen Steigungen wurden mit Bergbahnen absolviert.
Erschwerend kommen in Whistler sportlich knapp bemessene Transferzeiten und Temperaturen bis 38° Grad hinzu. An den Transferzeiten scheitern bereits einige Fahrerinnen, aber auch Männer sind davon betroffen. Viele Teilnehmer – Frauen wie auch Männer – sprechen nicht mehr vom Rennen fahren, sondern vom Durchkommen und, dass sie nicht mal mehr Spass hatten, die sonst beliebten Strecken zu fahren. So scheinen die Veranstalter, die höchstwahrscheinlich noch nie die gesamte Strecke an einem Tag gefahren sind, nur darauf aus zu sein, das extremste Rennen der Serie zu haben. Dies leider oft ohne Rücksicht auf die Teilnehmer.
In dieser Art gleicht dieses Enduro-Rennen eher einem Marathon-Wettkampf, der unter erschwerten Bedingungen, mit schwereren Bikes, Protektoren und schwierigen, physisch belastenden Abfahrten absolviert wird. Wenn sich mehrere Weltklasse-Athleten nur noch vom «Durchkämpfen» sprechen, sich wegen Übermüdung noch grösseren Risiken aussetzen und Fahrer im Ziel vor lauter Erschöpfung in Tränen ausbrechen, sollten die Veranstalter ihre Streckenwahl künftig hinterfragen. Ein Wettlauf unter Veranstaltern geht doch meist zu Lasten der Athleten. Enduro-Rennen die acht Stunden andauern, braucht es nicht – zumindest nicht in einem Format wie dem der World Series.
Nun gibt es eine Pause, ehe sich die weltbesten Enduristen in Finale zum grossen Finale treffen. Der letzte Lauf der Enduro-World-Series findet am 04. und 05. Oktober, an der italienischen Mittelmeerküste, im Trail-Paradies Finale Ligure statt.
| Resultate 6. Lauf Enduro World Series Whistler/CAN | |||
| Männer | |||
| 1. | Jared Graves (AUS) | Yeti / Fox Shox Factory Racing Team | 51.11,44 |
| 2. | Nico Lau (FRA) | Cube Action Team | +00.02,50 |
| 3. | Curtis Keene (USA) | Specialized Factory Racing Team | +00.15,88 |
| 4. | Damien Oton (FRA) | Devinci/Alltricks.com Enduro Team | +00.27,93 |
| 5. | Florian Nicolai (FRA) | Team Rocky Mountain – Urge | +00.28,30 |
| 6. | Justin Leov (NZL) | Trek Factory Racing Team | +00.32,29 |
| 7. | Francois Bailly-Maitre (FRA) | BMC Enduro Racing Team | +00.37,21 |
| 8. | Yoann Barelli (FRA) | Giant Factory Racing Team | +00.43,07 |
| 9. | Joe Barnes (GBR) | Canyon Factory Racing Team | +00.45,51 |
| 10. | Martin Maes (BEL) | GT Factory Racing Team | +00.50,39 |
| 11. | René Wildhaber (SUI) | Trek Factory Racing Team | +00.55,67 |
| 25. | Ludovic May (SUI) | Canyon Factory Racing Team | +02.55,61 |
| Frauen | |||
| 1. | Cecile Ravanel (FRA) | GT Pulse | 58.04,15 |
| 2. | Tracy Moseley (GBR) | Trek Factory Racing Team | +02.07,60 |
| 3. | Anne Caroline Chausson (FRA) | Ibis | +05.06,92 |
| 4. | Anneke Beerten (NED) | Specialized Factory Racing Team | +05.45,67 |
| 5. | Rosara Joseph (NZL) | Yeti / Fox Shox Factory Racing Team | +06.11,14 |
| 6. | Lorraine Truong (SUI) | Norco – Fox | +06.40,33 |
| 7. | Kelli Emmett (USA) | Giant Factory Racing Team | +07.14,26 |
| 8. | Meg Bichard (NZL) | +07.21,69 | |
| 9. | Heather Irmiger (USA) | Trek Factory Racing Team | +08.18,40 |
| 10. | Anita Gehrig (SUI) | Twins MTB Racing – Specialized | +08.54,72 |
| 16. | Carolin Gehrig (SUI) | Twins MTB Racing – Specialized | +12.58,97 |