UCI schafft die «Kinderstrafe» ab, aber auch konsequent?
Eine Cross-Country-Athletin wird schwanger und stellt das Race Bike in die Ecke. Später möchte sie wieder in den Rennsport einsteigen, die Punkte sind aber weg, die Rennfahrerin beginnt ganz von vorne. Um den Wiedereinstieg zu erleichtern, hat der Radweltverband UCI den Schwangerschaftsstatus ins Regelwerk aufgenommen. So sieht die neue UCI-Regelung 4.10.012 folgendes vor: Der nationale Verband oder das Team einer Fahrerin, die aufgrund einer Schwangerschaft nur an weniger als drei Weltcup-Rennen in einer Saison teilnimmt, kann bis am 31. Dezember der unterbrochenen Saison schriftlich eine «Anerkennung des Schwangerschaftsstatus» beantragen. Die Startposition für das erste Weltcup-Rennen einer Athletin mit diesem Status wird folgendermassen berechnet: Die durchschnittlich erzielten Punkte pro Rennen, an denen die Fahrerin teilgenommen hat, multipliziert mit der Anzahl der Weltcup-Rennen, an denen sie aufgrund der Schwangerschaft abwesend war, ergibt die Startposition für das erste Weltcup-Rennen. Diese Sonderposition ist auf die erste Runde des UCI-Weltcups beschränkt, an der die Fahrerin in der folgenden Saison teilnimmt.
Gemäss Lisa Broder, Team-Managerin des JB-Brunex Superior Teams ist diese neue Regelung nicht Zielführend und erklärt dies am Team-interen Beispiel. «Unsere Athletin Nadine Perks verkündete Anfang März 2023 die freudige Botschaft, dass sie schwanger ist. Da sie als Athletin wichtige Punkte und wir als Team den UCI-Elite-Status verlieren könnten, was auch andere Fahrerinnen und Teams betreffen kann, beantragten wir im Interesse aller Teams bei der UCI folgenden Antrag zur Regeländerung.» Wird die Schwangerschaft einer Athletin durch ein ärztliches Attest bestätigt, werden die individuellen UCI-Punkte der Athletin für ein Jahr ab dem Datum des ärztlichen Attests eingefroren. Dies bedeutet, dass diese Punkte während der gesamten zwölf Monate bei ihr und ihrem jeweiligen Team verbleiben.
Für Initiantin Broder wäre der vorgeschlagene Paragraf der richtige Weg und Schutz gewesen: «Eine Athletin sollte sich nicht zwischen Spitzensport und Schwangerschaft entscheiden müssen. Dabei gilt es, auch das ungeborene Leben zu schützen. Das bedeutet, dass sich keine Athletin, wegen nicht ausreichendem Schutz im Reglement, grossen Risiken aussetzen muss oder sich gar zu einem Schwangerschaftsabbruch entscheidet.»
Ungeachtet der Umstände verblieb Perks bei «JB Brunex Superior Factory Racing», übernahm andere Aufgaben und trainierte weiter, der Schwangerschaft angepasst. Im Spätherbst 2023 brachte die Deutsche Cross-Country-Spezialistin einen gesunden Sohn zur Welt und ist in denselben Team-Farben in die Rennsaison 2024 gestartet – noch ohne Weltcup-Einsätze.
Die neue UCI-Regelung sieht Broder deshalb als Alibi-Übung, da dieser Sonderstatus genau für ein Rennen gilt, aber kaum eine Fahrerin bereits dann wieder auf ihrem alten Level angelangt ist. Mit grosser Wahrscheinlichkeit steht die Betroffene beim zweiten Rennen wieder hinten an. «Das Konstrukt, dass die UCI jetzt als Fortschritt für die Athletinnen verkauft, ist ein Schlag ins Gesicht für jede Cross-Country-Fahrerin. Wir sind der Meinung, dass die UCI nochmals über die Bücher sollte. Kind und Profisport muss heutzutage möglich sein, und das ist es auch mit dem neuen Reglement nur unter erschwerten Bedingungen. sagt Lisa Broder abschliessend.