WM-Showdown der Technik-Freaks
Die aktuell medienwirksamste Mountainbike-Disziplin Cross-Country erlebt zurzeit auf technischer Ebene einen Stillstand. Die 29-Zoll-Laufräder und wenige 27.5-Zöller haben sich bei den Fahrern durchgesetzt. Vollgefederte Bikes gibt es ebenfalls weniger auf den Rennstrecken zu sehen, obwohl die Strecken solche zulassen würden. Auch Vario-Sattelstützen sind scheinbar immer noch zu schwer für die Cross-Country-Fahrer, obwohl diese immer leichter werden und in steilen Abfahrten einen Vorteil mit sich bringen würden. Es scheint als fallen die Weltmeisterschaften aus technischer Sicht langweilig aus.
Doch in Wirklichkeit trügt der Schein. Es ist das Downhill-Weltmeisterschaftsrennen welches für einige materialtechnische Überraschungen sorgt und den Karren für die Technik-Gemeinde aus dem Dreck zieht. Da die Strecke in Pietermaritzburg eher schnell, wenig technisch ist und viele Tretpassagen beinhaltet, wird bereits im Vorfeld gemunkelt, dass einige Fahrer mit Luftfederelementen und verkürzten Federwegen an den Start gehen werden. Dabei wird auch die Laufradgrösse 27.5-Zoll in einem Zug genannt, welche durch die besseren Rolleigenschaften klare Vorteile mit sich bringen soll. Auch kommen bei einigen Athleten höhenverstellbare Sattelstützen zum Einsatz um in den Tretpassagen auch sitzend viel Druck aufs Pedal zu bringen. Mit Mitch Ropelato (USA) und Jared Graves (AUS) gehen zwei Spitzenleute mit Enduro-Bikes an den Start. Während Ropelato sogar die 29-Zoll-Version von Specializeds Endurobike einsetzt, schiesst Graves auf einem 26-Zöller von Yeti die Abfahrt hinunter.
Graves Fahrt zur Bronzemedaille auf einem 26-Zoll Endurobike
Wiederspruch und Einigkeit
Ropelato der mit seinem Twentyniner im Frühjahr ein Downhill-Rennen der US-Rennserie gewann, hat mit seinem zweiten Rang im Qualifikationslauf seine Ambitionen für einen Podestplatz angemeldet. Im WM-Rennen stürzt er jedoch in der ersten Kurve. Ein Aufatmen geht durch die Internetforen. Es geht nicht um eine Antipathie gegen einen Fahrer oder Marke, nein – der allgemeine Tenor ist — Enduro-Bikes und 29-Zöller sieht man nicht gerne im Downhill. Paradoxerweise freut es fast alle, dass Graves mit seinem 26-Zoll beräderten Endurobike eine Spitzenzeit landet, also liegt es Hauptsächlich an der Laufradgrösse. Einig ist man sich im Bezug auf die Strecken im Allgemeinen. Diese sollten immerhin so schwer sein, dass niemand auf die Idee kommt, mit einem Endurobike an den Start zu gehen.
Doch die einfachere und Tretlastige Strecke in Pietermaritzburg und die daraus resultierende Materialschlacht hat etwas Gutes. Die Fahrer sind erpicht Bestzeiten zu liefern, worauf die Hersteller gefordert sind, ihren Top-Shots das bestmögliche Material bereitzustellen. Da die wenigsten Teams die Mittel haben, ihren Spitzenathleten ein auf die Strecke geschneidertes Bike zu bauen, reizt man die bestehenden Mittel aus. Leichte Reifen, reduzierte Federwege, Luft- statt Stahlfederbeine, 27.5-Zoll-Laufräder und eben, Enduro-Bikes mit 26- und 29-Zoll Rollmaterial kommen zum Einsatz. Solche Pröbeleien sind die Nahrung für die technische Entwicklung im gesamten Mountainbike-Sport.
Am Ende sind die Diskussionen und Meinungen über den fahrbaren Untersatz und die Laufradgrössen überspitzt. Am Renntag geht nähmlich der grösste Teil Fahrer mit ihrem bewährten Setup und 26-Zoll-Laufrädern an den Start. Das extreme Gegenteil ist der kanadische Mountainbike-Hersteller Devinci. Dieser lässt für seine zwei Aushängeschilder Nick Beer (SUI) und Steve Smith (CAN) spezielle Downhill-Bikes für die Weltmeisterschaften entwickeln. Klein, weniger Federweg als üblich und leicht sind die Spezialboliden der Beiden. Mit 165 Millimeter hinten und 175 Millimeter Federweg vorne sowie den 27.5-Zoll-Laufrädern schlagen die Kanadier doppelt einen Mittelweg ein.
Letztendlich straft Greg Minnaar alle Tüftler und gewinnt das Rennen auf einem herkömmlichen Downhillbike. Ganz ohne Modifikationen bleibt allerdings auch Minnaars Bike nicht: Um in den Flachpassagen mehr Tempo generieren zu können, geht er ein hohes Risiko ein und fährt Downhill-Reifen mit einer dünnen Karkasse um Gewicht zu sparen. Im Ziel angekommen, geht Minnaars Reifen die Luft aus.
Obwohl man den grösseren Laufrädern mehr Griffigkeit nachsagt, setzen sich am Ende die 26-Zöller durch. Trotzdem dürfte sich die Entwicklung im Abfahrtsport zukünftig mehr um die Laufradgrössen drehen. Das Beispiel von Pietermaritzburg zeigt auch, dass es nicht auf allen Downhill-Strecken viel Federweg braucht. Durchaus möglich, dass der boomende Enduro-Rennsport, auch dem Abfahrtssport wieder neuen Wind in der Entwicklung bringt.