Der Kanton Thurgau hat sein erstes Trailcenter – Ride hat es gecheckt
«Wir treffen uns am Einstieg in den ersten Trail», schreibt Dani Schoch. «Muss ich da nicht erst hochfahren?», frage ich zurück. Muss ich nicht, denn zum Trailcenter TopTrail Tannzapfenland gehören auch mehrere gebaute Uphills. Der Präsident des gleichnamigen Vereins hat seinen 17-jährigen Sohn und Mitstreiter Stefan Kümin seine etwas jüngeren Buben mitgebracht. Gemeinsam pedalen wir den ersten frisch gebauten Trail hinauf. Es gibt Serpentinen, hübsch hindrapierte Steine, wir plaudern, ich blicke ein wenig im frühlingshaften Wald umher und schon sind wir oben.
Natürlich gehören solche mehr oder weniger technischen Uphills im Zeitalter des E-Mountainbikes zur Grundversorgung, es stimmt aber auch für Biobiker, dass man hier, in der Gemeinde Fischingen TG, die Höhenmeter kaum spürt, weil der Aufstieg so abwechslungsreich ist.
Jetzt stehen wir vor dem Prunkstück der TopTrails: Nordloop, heisst der verspielte Flowtrail mit den vielen Absprüngen. Es ist ein Bauwerk, wie es sie mittlerweile in einigen Wäldern gibt, das mit seinen meterhohen Anliegern und Tables wirkt wie ein von Giganten mit der Schaufel modellierter Kanal aus Erde. Er habe auch leer geschluckt, als er die Baustelle gesehen habe, gibt Dani zu. Da sei viel Erde bewegt worden. Spass macht der Trail allemal, selbst, wenn man nicht so schön fliegt und die Landungen nicht so sauber trifft wie der 17-Jährige. Alles ist rollbar – ausser die zwei Drops, neben denen es eine Ausweichroute gibt, auf der die Räder am Boden bleiben. Der Nord-Trail ist zudem Handbike-tauglich, wie der Mountain-Handbiker Andi Gautschi und drei Kollegen nach einer Testfahrt bestätigt haben.
Jumpline wird zum Treffpunkt
Über eine Forststrasse und einen weiteren Uphill gelangen wir zum Enduro Trail. Etwas knackiger, dafür näher am natürlichen Relief des Waldes. Ein paar Absätze, ein paar Felsbrocken, Wurzeln und Off-Camber Sektionen machen diesen nur gut 300 Meter langen Singletrail etwas anspruchsvoller. Es folgt ein einfacherer Singletrail gefolgt von der Jumpline. Obwohl das Trailcenter noch nicht offiziell eröffnet ist und noch nicht alle Trails freigegeben sind, habe sich die Jumpline schon als lokaler Treffpunkt etabliert, erzählt Dani. Sein Sohn gehört zu den Hauptnutzern. Die Sprungorientierten können zudem eine steil hinaufführende Rückegasse benutzen, um direkt zurück zum Einstieg in die Sprunglinie zu gelangen. Hier werden in den nächsten Monaten und Jahren Laps gedreht, das ist klar.
Wir nehmen stattdessen die zwei verbleibenden Singletrail-Abschnitte. Am letzten baumelt eine Galgenschlinge. Galgenhügel ist der Flurname. Ob hier wirklich früher Menschen gehängt wurden, weiss keiner der Anwesenden. Ein letztes Highlight ist ein Rockgarden mit mehreren steilen Stufen. «Die Idee dafür hatten die Trailbauer von vast am Abend beim Bier», verrät Dani. Auch dieser Abschnitt wird vielen die Möglichkeit geben, ihre Fahrtechnik auf das nächste Level zu bringen. Wer sich von Anfang an über alle Stufen hinuntertraut, kann die schnellste Linie suchen und optimieren. Der 17-Jährige meint nach seiner Strategie gefragt nur: «Ich lasse die Bremse offen.» Auch das geht.
«Der Hinterthurgau ist das Davos des Thurgaus. Auch ohne diese Anlage bietet die Region jede Menge Bikespass. Trotzdem entsteht durch den Bau des TopTrails ein grosser Mehrwert» Was Stefan aus dem Kernteam damit meint: Es gibt in dieser Gegend im Grenzgebiet der Kantone Thurgau, Zürich und St. Gallen unzählige Singletrails und, gemäss Locals, wenig Leute auf diesen und deshalb auch kaum je Diskussionen. Die Idee für das Trailcenter entstand bei einem Jubiläumsanlass für den Skilift – auch das gibt es in Fischingen. Der Event fand ohne Schnee statt, dafür wurden ein paar Bike-Elemente auf die Wiese gestellt, der Wunsch nach einem permanenten Bikeangebot wuchs.
Es brauchte einen langen Atem
Die Trails, die am kommenden Samstag offiziell eröffnet werden, befinden sich knapp einen Kilometer davon entfernt und das Projekt hat auch sonst noch einige Wendungen genommen. «An der ersten Sitzung haben alle ihr Feld abgesteckt, die Jäger, der Naturschutz, das Forstamt und so weiter», blickt Dani zurück, «aber schon bei der ersten Begehung im Wald mit dem Leiter des kantonalen Forstamts klang es viel konstruktiver.» Trotzdem dauerte es von der ersten Anfrage bis zum Bauentscheid mehr als fünf Jahre. So zügig wie Dani plaudernd bergauf pedalt, scheint ihm auch in administrativen Dingen der Schnauf nicht so schnell auszugehen.
Nur eine Sache liess ihn wenige Tage vor der Eröffnung leer schlucken: Einer der letzten Trails, der sein Schild über dem Einstieg erhielt, wurde ohne Wissen des Präsidenten SchochWerk getauft. Eine Wertschätzung für den Mann, der dieses Projekt vorangetrieben hat. Er meint: «Nach jedem Rückschlag fragten wir uns ernsthaft, ob wir noch weitermachen sollen, aber dann hat immer wieder ein anderer dagegengehalten und gesagt, jetzt geben wir nicht auf, den nächsten Schritt probieren wir noch!»
Ein Bremsklotz war das Mountainbike-Konzept des Kantons Thurgau, das in der gleichen Zeit entstand und das Mountainbiken massiv einzuschränken drohte. «Immer wieder zögerten die kantonalen Ämter im Bewilligungsprozess, weil nicht klar war, welche Regeln durch das Konzept in Kraft treten», beschreibt Dani. Letzten Endes wurden das Trailcenter und das kantonale Mountainbike-Konzept praktisch zeitgleich fertig. Ride hat darüber berichtet. Ein interessantes Detail ist, dass TopTrail Tannzapfenland nicht als kantonale Infrastruktur gilt, weshalb, gemäss Logik der flankierenden Massnahmen des Konzepts im Wald darum herum weiterhin keine Bussen drohen.
Offen für alle – Eröffnungsfeier am 25. April 2026
Am kommenden Samstag werden die Trails im Tannzapfenland feierlich eröffnet, es gibt einen Bike-OL, eine Uphill Challenge, einen Jump-Airbag, eine Podiumsdiskussion und vieles mehr.
Die Trails sind tagsüber frei zugänglich für alle. Wer seine Sprungtechnik auf Kickern von klein bis mittelgross verbessern und darüber hinaus noch ein paar Singletrails fahren will, ist im Fischinger Trailcenter richtig. Der Nordloop ist Handbike-tauglich. Die verschiedenen Abschnitte lassen sich zu einem längeren achterförmigen Loop oder zwei separaten kleineren Runden kombinieren. Langweilig wird das so schnell nicht.
Nach der Besichtigungsrunde nehmen die Einheimischen den Ride-Autoren noch mit Richtung S-Bahn. Auf den wurzligen Waldwegen und engen Kehren wird schnell klar, warum der Bikesport in dieser Gegend schon lange beste Voraussetzungen hat.
Weitere Infos: toptrail.ch