Enduro sucht seine Zukunft und findet zwei | Ride MTB

Enduro sucht seine Zukunft und findet zwei

Enduro hat das Potenzial zum Spektakel und solide Strukturen verdient.

Foto: Rick Schubert / WHOOP UCI Mountain Bike World Series

Kaum ist das Ende des Enduro-Weltcups besiegelt, stehen bereits zwei mögliche Nachfolger bereit. Crankworx und Enduro United wollen ab dem Jahr 2027 je eine internationale Rennserie aufbauen. Beide verfügen über Erfahrung und ambitionierte Pläne, verfolgen aber unterschiedliche Konzepte. Doch braucht der Enduro-Sport tatsächlich zwei Weltserien? Und wer soll sie finanzieren?

Mit Crankworx zurück zu den Enduro-Wurzeln

Nicht einmal 24 Stunden nach der Ankündigung, dass Warner Bros. Discovery (WBD) den Enduro-Weltcup nach der Saison 2026 einstellt, präsentierte Crankworx seine Pläne für eine neue globale Enduro-Rennserie. Ab dem Jahr 2027 soll die «Global Enduro Race Series» den Sport wieder stärker auf seine ursprünglichen Werte ausrichten: Abenteuer, Gemeinschaft, attraktive Trails und Rennen, an denen Profis und Hobbyfahrer gleichermassen teilnehmen können.

An Erfahrung mangelt es Crankworx nicht. Der Veranstalter organisiert seit Jahrzehnten internationale Gravity-Festivals und hat mit dem Canadian Open Enduro in Whistler ein renommiertes Rennen im Programm. Dieses soll auch 2027 Bestandteil der neuen Serie sein. Crankworx-Chef Darren Kinnaird kennt zudem die Geschichte des internationalen Enduro-Rennsports bestens. Er gehörte zum vierköpfigen Gründungsvorstand der ursprünglichen Enduro World Series (EWS).

Die schnelle Ankündigung war kein spontaner Entscheid. Gegenüber dem französischen Fachmedium FullAttack erklärt Kinnaird, dass Crankworx bereits auf eine lange Geschichte im Enduro-Sport zurückblicken könne. Das Ende des Weltcups habe jedoch die Dringlichkeit erhöht, eine Perspektive für die Zukunft aufzuzeigen. Für Kinnaird steht dabei die wirtschaftliche Tragfähigkeit im Vordergrund: «Die grösste Herausforderung besteht darin, all das in einem wirtschaftlich widerstandsfähigen Modell zusammenzubringen.» Schliesslich brauche ein attraktives Rennen nicht nur einen Veranstalter, der es finanzieren könne, sondern auch Fahrer, die sich die Teilnahme leisten könnten.

Konkrete Austragungsorte hat Crankworx abgesehen von Whistler noch nicht genannt. Dafür laufen Gespräche mit 35 Veranstaltern aus 25 Ländern auf fünf Kontinenten. Auch Fahrer, Teams und der Radsport-Weltverband UCI sind in den Austausch eingebunden. Eine Athletenvertretung soll sicherstellen, dass die Bedürfnisse der Rennfahrer bei der Entwicklung berücksichtigt werden. Eine direkte Übernahme des bisherigen Weltcups wurde nicht angekündigt. Crankworx arbeitet vielmehr an einer eigenständigen internationalen Rennserie.

Enduro United bringt zweite Weltserie ins Spiel

Doch Crankworx ist nicht allein. Am 14. Oktober präsentierte die neu gegründete Organisation Enduro United ihre Vision einer «Enduro MTB World Tour». Hinter dem Projekt stehen Enrico Guala, Ludovic Henry, Alex Balaud und Adrian Greiner, alles erfahrene Köpfe hinter dem Enduro-Sport.

Mit Greiner ist zudem die Schweizer Eventfirma Bikemedia involviert, die unter anderem bereits Rennen der EWS, Enduro-Weltcups und Enduro-Weltmeisterschaften in der Schweiz organisiert hat und sich für die Swiss Enduro Series sowie das mehrtägige Trail-Abenteuer Aventyr zuständig zeichnet. Besonders interessant ist aber die Personalie Guala. Der Italiener gilt als einer der Wegbereiter des modernen Enduro-Rennsports und gehörte wie Kinnaird zu den Gründern der ursprünglichen Enduro World Series.

«Enduro ist die Rennform des Mountainbikens, wie es die meisten Menschen betreiben», erklärt Guala. Damit bringt er eine der grossen Stärken der Disziplin auf den Punkt: die Nähe zum alltäglichen Mountainbiken. Seit der Ankündigung des Weltcup-Endes habe man zahlreiche Gespräche mit der Bike-Community, der Industrie, Athleten und Veranstaltern geführt, um eine langfristig tragfähige Struktur zu entwickeln.

Enduro United verfolgt einen umfassenderen Ansatz als eine reine Weltserie. Die Organisation möchte ein internationales Rennsystem aufbauen, das regionale und nationale Wettbewerbe sowie Mehrtagesrennen mit der Weltspitze verbindet. Im Idealfall soll daraus auch ein offizieller Qualifikationsweg zu den Enduro-Weltmeisterschaften entstehen. Laut eigenen Angaben befindet sich Enduro United dazu in einem positiven Austausch mit der UCI.

Für das Jahr 2027 sind Rennen in Europa und Nordamerika vorgesehen. Ein konkreter Kalender fehlt allerdings auch hier noch. Sechs beratende Gruppen sollen zukünftig die Interessen von Athleten, Veranstaltungsorten, Industrie, Community, Medien und nationalen Rennserien vertreten.

Unterschiedliche Vorstellungen von der Zukunft

Dass nun gleich zwei Organisationen eine internationale Enduro-Rennserie planen, war ursprünglich nicht vorgesehen. Wie Adrian Greiner erklärt, wusste Enduro United ebenso früh wie die Firma Crankworx vom bevorstehenden Ende des Weltcups. Die eigenen Pläne waren jedoch langfristiger angelegt und sollten erst zu einem späteren Zeitpunkt öffentlich werden. Man wollte agieren und nicht reagieren.

«Mit der Aussicht auf eine weltumfassende Rennserie brachte Crankworx nur 20 Stunden nach der Hiobsbotschaft schnell Beruhigung im Fahrerlager, quasi ein Dach zum Unterstehen. Wir von Enduro United planten über die nächsten Jahre ein Konzept aufzubauen, das deutlich mehr bietet als nur eine Weltserie. Das muss aber über die nächsten Jahre aufgebaut und mit den Interessengruppen konsolidiert werden», erklärt Greiner.

Die Ankündigung von Crankworx habe Enduro United veranlasst, die eigenen Pläne nun vorzeitig zu präsentieren. Dass dadurch erneut Unsicherheit entstehe, sei nicht ideal. Man habe seitens Enduro United auch Gespräche mit Kinnaird geführt und sei laut Greiner offen für eine Eingliederung der Crankworx-Serie in das globale System von Enduro United gewesen. Crankworx sieht sich aber als eigenständige Serie und eine Zusammenarbeit wird deshalb momentan nicht aktiv weiterverfolgt. «Enduro United sieht die Crankworx-Serie auch nicht per se als Konkurrenz an, sondern als weitere Ergänzung im Enduro-Rennsport, wie es auch in anderen Mountainbike-Disziplinen üblich ist (beispielsweise Crankworx-Downhill-Rennen)».

«Unser Ziel ist es, ein Fundament aufzubauen, das mit regionalen Events, über nationale und Mehrtagesrennen breit abgestützt ist, wo der Breitensport sich findet und sich junge Fahrer aufbauen können, um sich später für die World Series oder Weltcup zu empfehlen und dort wiederum Punkte für eine WM-Qualifikation zu sammeln», erläutert Greiner.

Enduro United wolle darüber hinaus weitere Möglichkeiten schaffen, die Fahrern und Veranstaltern einen Mehrwert bieten, unter anderem Mitspracherechte für Fahrer und alle involvierten Interessengruppen. Greiner spricht von einem «soliden Bauwerk, das Jahrzehnte überdauern soll, und nicht nur ein Dach, um die nächsten paar Jahre darunter stehen zu können».

Dass sich die beiden Konzepte unterscheiden, ist offensichtlich. Während Crankworx zunächst eine internationale Rennplattform etablieren will, verfolgt Enduro United den Aufbau einer breiteren Struktur. Welcher Ansatz sich langfristig durchsetzt, lässt Greiner bewusst offen: «Natürlich sehen wir unser Projekt als nachhaltigere Struktur für die Förderung der Enduro-Kultur. Aber am Ende sollen Fahrer, Destinationen und der Markt entscheiden, welche Weltserie besser zu Ihnen passt.»

Enduro braucht einen Weltcup mit Augenmass

Enduro gilt als eine der komplettesten Mountainbike-Disziplinen. Fahrtechnik, Ausdauer, Taktik und Vielseitigkeit entscheiden über den Erfolg. Gleichzeitig ist Enduro eine ausgesprochene Fahrerdisziplin. Die Rennen führen über attraktive Trails und ermöglichen auch Hobbyfahrern, sich mit den Besten der Welt zu messen. Entsprechend gross ist das Potenzial für hohe Teilnehmerzahlen.

Schwieriger gestaltet sich die mediale Vermarktung. Die Rennen erstrecken sich über grosse Gebiete, sind für Zuschauer nur punktuell zugänglich und lassen sich kaum mit vertretbarem Aufwand live übertragen. Die kommerziellen Wachstumsmöglichkeiten sind deshalb begrenzt und dürften kaum mit den ambitionierten Erwartungen von WBD Sports übereingestimmt haben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass ein internationaler Weltcup wirtschaftlich nicht funktionieren kann. Wie es gehen könnte, zeigt der von Hero organisierte Marathon-Weltcup. Dieser setzt auf etablierte Veranstaltungen, bestehende Strukturen und eine überschaubare Anzahl Rennen. Ein vergleichbarer Ansatz könnte auch für Enduro sinnvoll sein. Entscheidend ist, dass der organisatorische und finanzielle Aufwand zur wirtschaftlichen Bedeutung der Disziplin passt.

Zwei Weltserien teilen sich einen begrenzten Markt

Die Finanzierung dürfte eine der grössten Herausforderungen werden. Im Enduro-Sport sind die verfügbaren Mittel seit Jahren begrenzt. Viele Teams verfügen über überschaubare Budgets, zahlreiche Fahrer finanzieren ihre Rennteilnahmen zumindest teilweise selbst. Auch die Veranstalter sind auf Sponsoren, Startgelder und die Unterstützung der Tourismusdestinationen angewiesen.

Diese wirtschaftlichen Grenzen waren mitentscheidend dafür, dass der Enduro-Weltcup den Wachstums- und Vermarktungsplänen von WBD Sports nie gerecht werden konnte. Nun zeichnet sich eine Entwicklung ab, die zumindest teilweise an dieselbe Problematik erinnert. Statt einer grossen Organisation wollen möglicherweise gleich zwei Veranstalter den internationalen Enduro-Rennsport aufbauen und vermarkten. Beide benötigen dafür finanzielle Mittel, die bereits bisher nur beschränkt vorhanden waren.

Zwar verfolgen Crankworx und Enduro United andere Ansätze als WBD Sports und könnten mit schlankeren Strukturen wirtschaftlich erfolgreicher sein. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Markt genügend Potenzial für zwei internationale Rennserien bietet. Gelingt es, neue Partner und zusätzliche Gelder zu gewinnen? Oder Verteilen sich die begrenzten Sponsorenbudgets künftig auf zwei Plattformen oder fokussieren sich die Sponsoren gemeinsam auf eine Rennserie?

Für Fahrer und Teams könnten zwei internationale Rennkalender zusätzliche Reisen, höhere Kosten und einen grösseren organisatorischen Aufwand bedeuten. Hinzu kommt die sportliche Orientierung: Welche Serie wird künftig die massgebende internationale Rennplattform sein? Wo startet die Weltelite? Welche Veranstaltungen bieten Fahrern und Sponsoren die grösste Aufmerksamkeit? Und welche Bedeutung werden die Serien für die Qualifikation zur Weltmeisterschaft erhalten?

Wirtschaftliche Stärken richtig nutzen

Die wirtschaftliche Bedeutung von Enduro reicht weit über den Rennbetrieb hinaus. Veranstaltungen mit grossen Teilnehmerfeldern generieren Übernachtungen, stärken den lokalen Tourismus und machen Bike-Destinationen international bekannt. Davon profitieren Hotels, Gastronomie, Bergbahnen und weitere touristische Anbieter.

Dieser Nutzen fliesst allerdings nicht automatisch zu den Veranstaltern zurück, welche die Kosten für Strecken, Sicherheit, Zeitmessung und Organisation tragen. Eine langfristig tragfähige Rennserie muss deshalb auch die Interessen der Tourismusdestinationen berücksichtigen.

Dass Crankworx unmittelbar nach dem angekündigten Weltcup-Ende eine neue internationale Rennserie in Aussicht stellte, war für den Sport zweifellos ein wichtiges Signal. Statt Fahrer, Teams und Sponsoren mit einer ungewissen Zukunft zurückzulassen, zeigte der erfahrene Veranstalter rasch eine Perspektive auf. Damit dürfte Crankworx wesentlich dazu beigetragen haben, die aufgewühlte Enduro-Szene zu beruhigen.

Enduro United verfolgt hingegen einen umfassenderen, langfristig angelegten Ansatz. Ob dieser letztlich nachhaltiger ist oder sich die beiden Konzepte sogar gegenseitig ergänzen können, bleibt abzuwarten. Ebenso offen ist, ob der Markt genügend Ressourcen für zwei internationale Rennserien bietet.

Entscheidend wird sein, ob daraus wirtschaftlich tragfähige Strukturen entstehen, die den Bedürfnissen der Fahrer, Veranstalter und Sponsoren gerecht werden. Denn Enduro braucht nicht zwingend einen möglichst grossen Weltcup, sondern ein internationales Rennsystem, das auf den tatsächlichen Stärken und Möglichkeiten der Disziplin aufbaut.

enduro-united.com

crankworx.com


Weitere Inhalte zu diesem Artikel