Franken-Kurs, Teil 2: Branchenprofis nehmen Stellung
Thommy May, LBU Schweiz GmbH Unternehmensberatung
«Die Meldung der SNB hat alle Marktteilnehmer kalt erwischt. Über die ungünstigen Auswirkungen, speziell was die Exportwirtschaft und den Tourismus betrifft, sind sich viele Fachleute einig. Ebenso was die Auswirkungen für die Schweizerische-Volkswirtschaft bedeuten könnten.
Die Fahrradbranche wurde ebenfalls zu einem ungünstigen Zeitpunkt von dieser Massnahme der SNB getroffen. Auch, wenn noch ein bisschen Zeit bis zum Saisonstart ist, haben viele Händler vor Kurzem Vororderlieferungen erhalten. Die ohnehin angespannte Margensituation des Fahrrad-Einzel-Handels wird nochmals strapaziert. Ein Vorteil der Fahrradgeschäfte gegenüber dem reinen Detailhandel ist die Wertschöpfung, die aus den Reparaturwerkstätten erzielt wird. Wer sich auf diesen Bereich konzentriert, liegt vermutlich nicht falsch.
Es gilt die Volatilität des €-Kurses in den nächsten Tagen zu beobachten, bevor Entscheidungen getroffen werden. Aufgrund der Erfahrungen und den Erkenntnissen aus dem Jahre 2011 wissen viele Marktteilnehmer, was auf sie zukommen wird. Da wir in der Schweizer-Fahrradbranche über viele faire Lieferantenpartner verfügen, gehe ich davon aus, dass eine entsprechende Preisanpassung zeitnah erfolgen wird. Dies hängt natürlich auch vom entsprechenden Warenbestand ab, der noch zum weitaus höheren € -Kurs/$-Kurs eingekauft wurde.
Die Kalkulation der neuen Preise wird nicht einfach, sind sich doch viele Ökonomen und Finanzspezialisten aktuell uneinig, wo sich der €-Kurs einpendeln wird. Die Marktteilnehmer werden eine zielführende Lösung finden, damit die Konsumenten weiterhin in der Schweiz einkaufen und den umfassenden und guten Service der Schweizer-Fahrrad-Spezialisten in Anspruch nehmen. Ich hoffe sehr, dass die Konsumenten das nötige Verständnis aufbringen, dass die Preise nicht über Nacht dem stark erodierenden €-Kurs angepasst werden können.»
Stefan Bührer, Amsler & Co. AG, Anbieter von Sram, Felt, Magura etc.
«Ich denke der momentane Stand fördert den Kauf im Euroraum stark. Sicher stehen da für uns Proleme ins Haus, wir müssen aber mal ein paar Tage abwarten, wie sich die Kurse einpendeln.
Amsler kauft sehr viel in Dollar, welcher ja auch gegenüber dem Franken um über 10 Prozent getaucht ist - glücklicherweise. Es bleibt auf jeden Fall sehr spannend und wir stehen vor sehr grossen Herausforderungen.»
Reto Meyer, TDS Rad AG, Anbieter von Tour de Suisse Velos, SQ Lab, Chariot etc.
«Fakt ist, dass grosse Währungsteile angebunden sind, das heisst, zu bisherigen Kursverhältnissen angebunden sind. Eine sofortige Preissenkung hätte hohe Kursverluste und Aufwendung zur Folge. Umgekehrt wird der Druck auf Seiten Konsument ansteigen. Heisst wieder viel Arbeit, die wir nicht gesucht haben.»
Silas Obrist, TST Trading GmbH, Anbieter von Yeti, Intense, Troy Lee Designs etc.
«Diese Neuigkeit hat uns sehr stark getroffen. Einerseits hat dies Druck von unserer Preisgestaltung genommen, denn unser Devisenbedarf ist neun zu eins Dollar zu Euro. Der USD hat die letzten Wochen für uns dramatisch aufgewertet, so dass wir intern über Preiserhöhungen diskutiert haben. Dieses Thema ist nun vom Tisch, da wir das Eurobike-Niveau des USD so wieder erreicht haben. Unsere Kollegen im Euroraum, die in USD einkaufen werden die Preise erhöhen müssen oder haben teilweise schon geschraubt in den letzten Wochen.
Andererseits wissen wir aus der Situation Juli-September 2011, was nun auf uns von Konsumenten- und Medienseite zukommen wird. Das Thema Preise und Einkaufstourismus bekommt nochmals weiteren Aufwind. Für den bereits stark gebeutelten Detailhandel in der Schweiz ist das Öl ins Feuer.»
Clemens Späni, Bikeshop Velodrom Bodensee
«Das Gute zuerst: In solchen Momenten wird immer schnell klar, welche Lieferanten wirkliche Geschäftspartner und wer wirklich "treue" Kunden sind. Auch der Zeitpunkt fällt mitten ins Januarloch. Dass sich die Situation bis zum Saisonstart wieder etwas beruhigt und relativiert, ist zu hoffen.
Nun, die Händler müssen nun massiv Druck auf alle Lieferanten machen, die aus dem Ausland liefern und unverändert im alten Frankenkurs abrechnen oder jetzt günstiger einkaufen können aber diese Preise nicht weiter geben wollen.
Ich rate, sofort klare Verhältnisse zu schaffen und sich zu entscheiden. Der Handel muss sich aber im Gegensatz nun auch bewusst sein, die Preise gegenüber dem Kunden nicht einfach nur verteidigen zu wollen sondern "angemessen" bei der Preisgestaltung entgegen zu kommen.
Weitblickende Lieferanten sind ja an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert. Mit der Lagerware und den noch ausstehenden Waren eine Mischrechung zu machen oder zusätzliche Dienstleistungen mit einzubinden, sind nur zwei Möglichkeiten.
Natürlich ist es bitter, auf aktuelle Lagerware schon einen Abschreiber zu machen, bevor die Saison losgegangen ist. Im Herbst werden die Preise wieder neu gestaltet. Ein Risiko wird aber immer bleiben beim Handel mit Investitionsgütern.»