Infotech 2014 – die Podiumsdiskussion
Der souveräne Moderator Thommy May leitet die Gesprächsrunde vor gefülltem Plenarsaal mit einer Einleitung zum geforderten Können des Fahrradmechanikers und stellt die Podiumsteilnehmer vor. Versammelt sind Benno Sprecher, ein ausgebildeter Fahrradmechaniker, der die Branche verlassen hat, Christian Elsener vom Zürcher Fachgeschäft Velo Elsener und Wolfgang Hess vom Motorradfachgeschäft Hess Motorrad AG in Ostermundigen.
Keine Perspektiven, zu wenig Lohn
Zuerst erklärt Sprecher, warum er die Velobranche verlassen hat: «Mir fehlten die Perspektiven, der Lohn war zu wenig, das Image des Berufs des Velomechanikers zu schlecht und der Velomechaniker erfährt eine zu geringe Wertschätzung als Berufsmann.» Sprecher spricht von jährlich 13 Monatslöhnen à 5'000 bis 5'500 Franken, die notwendig sind, um einen Velomechaniker ab circa 5 Jahren Berufserfahrung im Beruf zu halten und ein Abwandern in andere Branchen zu verhindern. Für Sprecher gibt sich die Branche auch vielerorts unprofessionell: «Der Kunde erhält keine detaillierten Rechnungen, die Auftritte der Shops sind zu einfach.»
Zu tiefe Stundenansätze*
Anschliessend kommt Elsener zu Wort und erklärt, dass Händler, die sich zu Stundenansätzen von 60 Franken verkaufen, den anderen Fachhändlern, die zu ökonomisch notwendig höheren Ansätzen arbeiten, das Leben äusserst schwer machen. Elsener spricht an, dass ein Ansatz von 100 Franken ein Minimum darstellt und dass die Branche geschlossener und professioneller auftreten sollte, um höhere Ansätze durchzusetzen.
Die Sicht des Motorradhändlers
«Unsere Prozesse sind professioneller, wird sind effizienter», sagt Hess als Vertreter der Motorradbranche. «Die Motorradbetriebe sind meist grösser als in die Fahrradbetriebe, was eine Effizienzsteigerung begünstigt». Was folgt ist ein regelrechtes Leviten-Lesen für die Fahrradbranche: «Ich empfinde die Lohnempfehlung von 2 Rad Schweiz als zu tief**, ich kann nicht verstehen, dass man solche Löhne zahlt. Für einen einzelnen Mechaniker definieren wir das jährliche Ziel von 1'300 – 1'400 verrechenbare Stunden jährlich – und bei diesem Volumen mit dem verbundenen Gewinn gibt es absolut keine Diskussionen, ob man einen anständigen Lohn zahlen kann.»
Kollegen-mässige Leistungen im Velofachhandel
Diskussionsleiter May fragt Hess, ob ein Kunde des Motorradfachhandels einen Stundenansatz von 140 Franken akzeptiert: «Wir haben kein Akzeptanzproblem bei unseren Preisen. Unsere Leistungen werden transparent und detailliert dargestellt». Hess weiter: «Wir verrechnen auch eine Direktannahme einer Reparatur. Wenn jemand mit einer Panne ins Geschäft kommt, sagen wir dem Kunden, wir nehmen diese Reparatur auf die Notfallliste. Wir machen keine Direktreparaturen, bei der der Kunde dem Mechaniker über die Schulter schaut, so verheizt man einen Mechaniker. So ein Vorgehen, alles stehen und liegen zu lassen für eine Reparatur, das ist so Kollegen-mässig, am Besten noch per Du, das ist einfach zu unprofessionell».
Hess zeigt weiter, wie er es als Motorradfachhändler handhabt: «Es braucht klare Strukturen. Wir reparieren nicht sofort. Wir haben identische, professionelle Abläufe und an diese halten wir uns. Ein kollegialer Velomech lässt sich vom heutigen Konsument ausnützen. Ein professioneller Auftritt ist umso wichtiger. Mit einem Stundenansatz von 60 Franken ist das nicht ansatzweise möglich. Der Kunde denkt sich abschätzig bei diesem Preisnivau: Das ist halt der Dorfvelomech. Der Kunde kommt dann auch nicht: Hallo, schau, das ist mein Sohn, der möchte eine Lehre bei dir machen.»
Empfehlung Stundenansatz: 120 Franken
Dann kommt Peter Sommer, Präsident des Verbands 2 Rad Schweiz zu Wort. Er empfiehlt einen Stundenansatz von 120 Franken für die Schweizer Velobranche und nimmt gleichzeitig ausschiesslich den Fachhandel in die Pflicht, dem Kunden zu kommunizieren «wie geil» der Beruf des Velomechanikers sei und deshalb ein höherer Stundenansatz zu veranschlagen sei.
Keine Strategie seitens 2 Rad Schweiz
Auf die Frage des Moderators, wie der Verband 2 Rad Schweiz dazu beitragen kann, das Image des Velomechanikerberufs zu verbessern, sagt Sommer: «Wir besuchen den Europacup der Motorrad- und Fahrradmechaniker. Ich bin überzeugt, dass unsere Mechaniker wieder hervorragend abschneiden. Ich habe eine Bitte an die Medien: Tragt diese Leistungen von Schweizern Mechanikern nach ausssen in die Öffentlichkeit, damit diese sieht, wie gut wir eigentlich sind». Weitere Strategien, wie der Verband eine Imagekampagne für den Velomechanikerberuf ausführen könnte, nennt Sommer am Podium nicht.***
Die Lehrlingsknappheit
Marius Graber – bekannt vom Velojournal-Magazin und vom Bikeshop Velociped in Kriens - nimmt anschliessend Stellung zu Sommers Statement: «Es reicht nicht, dass ich denke als Velomech, ich habe einen geilen Beruf. Wir müssen schauen, dass Lehrlinge in den kommenden Jahren denken, dass Velomech ein geiler Beruf ist – und da reicht es einfach nicht, wenn wir an den Europameisterschaften gut abschneiden. Wir müsssen als Fahrradgeschäft so wirken, dass es geil ist, in diesem Shop zu arbeiten. Es reicht nicht, wenn ich selbst der Ansicht bin, dass meine Job geil ist. Es ist unsere Aufgabe, unsere Fachgeschäfte so auszurichten, dass es cool ist, da zu arbeiten.» Graber führt weiter aus: «Ich mache mir höchste Sorgen, der Kampf um Lehrlinge wird losgehen, es kommen weniger Lehrlinge nach. Wir müssen uns richtig gut positionieren, um Lehrlinge zu gewinnen.»
Notwendige Massnahmen
Wie man zu guten Lehrlingen gelange, fragt May und Graber antwortet: «Lohn ist wichtig, Perspektive ist wichtig, es bräuchte neben Velomechaniker und Velomechaniker-Meister einen dritten, mittleren Titel. Wir müssen als Arbeitgeber gut sein, das geht über Ferien, Sozialleistungen und flexibel sein, gute Arbeitsplätze braucht es. Wir brauchen dazu unter anderem einen anständigen Stundenansatz und attraktive Ladenlokale, um morgen die richtigen Mitarbeiter zu bekommen.»
Unterstützung durch den Verband?
Zur Lehrlingsproblematik sagt Hess: «Bildet Lehrlinge aus! Man kann nicht reklamieren, ich bekomme keinen guten Mechaniker und auf der anderen Seite sagen, ich bilde nicht mehr aus, da mir das zu viel ist und ich mehrfach schlechte Erfahrungen gemacht habe. Für Junge bleibt Fahrrad- oder Motorradmechaniker ein Traumberuf, aber man muss bereit sein, die Jungen abzuholen und auszubilden. Entscheidend ist es, einen gewissen Stolz zu haben und gewisse Anforderungen zu haben, im Stil von ich nehme nicht gerade jeden als Lehrling.»
Hess formuliert Anträge an den Verband 2 Rad Schweiz: «Ich wünschte mir vom Verband ein Tool für ein Auswahlverfahren, wie ein standardisierter Eignungstest für die Minimalanforderungen an einen angehenden Lehrling. Weiter wünschte ich mir vom Verband eine Schulung, wie ich neue Lehrlinge oder Mitarbeiter rekruitiere.»
Hess erzählt auch von Erfahrungen mit einem weiteren Verband, der für den Fahrradhandel interessant ist: «Wir haben einen Harley-Verkäufer-Verand. Bei den Euro-Turbulenzen hatten wir eine starke Struktur, um auf unsere Lieferanten Einfluss zu nehmen. Wir hatten innert kürzester Zeit die Preise auf europäischem Niveau.»
Diskurs mit Resultaten
Nach Voten aus dem Plenum fasst May zusammen: «Die Wahrscheinlichkeit ist jetzt gross, dass in den Betrieben die Stundenansätze erhöht werden. Wir haben vom Verbandspräsidenten das OK bekommen, er empfiehlt 120 Franken pro Stunde .Wenn das alle Betriebe umsetzen, ist das schon mal ein guter Schritt.» May betont die Wichtigkeit solcher Foren und Diskussionen und er wünscht sich, dass der Verband auch schriftlichem Weg mitteilt, dass die Stundansätze anzuheben sind.
Ebenso weist May auf die Wichtigkeit für ein Auswahlverfahren hin, das sicherstellen kann, dass geeignete Lehrlinge nachkommen. Auch die Presse nimmt May in die Pflicht, damit diese anstösst, das Image des Velomechanikerberufs zu verbessern.
www.velosuisse-event.ch
www.2radschweiz.ch
Anhang:
* Die Fachzeitschrift Cyclinfo hat die Stundenansätze im Schweizer Fahrradfachhandel ermittelt:
im Jahr 2011 sind es durchschnittlich 88 Franken, im Jahr 2013 sind es durchschnittlich 96 Franken.
** Lohnempfehlung Verband 2 Rad Schweiz für den Fahrradmechaniker: von CHF 3'500 bis 4'000 nach der Lehre, von CHF 4'000 bis 4'5000 nach 5 Jahren Berufserfahrung
*** Kurzgespräch mit Peter Sommer nach der Podiumsdiskussion zur Frage wie der Verband eine Imagekampagne für den Velomechanikerberuf fahren könnte: Sommer betont die Wichtigkeit des Mitgliedermagazins Inform. Er nimmt den Geschäftsführer des Fachgeschäfts in die Pflicht, nach aussen zu transportieren, wie attraktiv der Job des Velomechanikers ist. Sommer führt weiter aus, dass man daran sei, zu Redakteuren von Tele Züri, Tele Bern und Schweizer Fernsehen Kontakte zu knüpfen, um die Öffentlichkeitsarbeit voranzutreiben.