Miese Arbeitsbedingungen: Fahrrad-Industrie ist unter Druck | Ride MTB

Miese Arbeitsbedingungen: Fahrrad-Industrie ist unter Druck

Taiwan Factory

Nach Medienberichten über krasse Missstände für Wanderarbeiter in Taiwans Fahrradindustrie haben die USA im September einen Import-Stopp für alle Produkte von Giant, einem der grössten Player im Business, verhängt. Die gesamte Branche geriet unter Druck und reagiert nun mit ersten Verbesserungen.

Mit mehr als 40.000 Beschäftigten in über 1.000 Betrieben ist die Fahrradbranche ein bedeutender Wirtschaftszweig in Taiwan. Rund 40 Prozent aller in Europa verkaufter Fahrräder stammen aus taiwanesischer Produktion. Doch hinter den Fabrikstoren herrschen teils unwürdige Arbeitsbedingungen, wie der dänische Journalist Peter Bengtsen im Zuge langwieriger Recherchen vor Ort aufgedeckt hat - Ride berichtete dazu im März vergangenen Jahres. Diese Recherchen sorgten in der Bike-Community für Aufsehen, denn Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft passen so gar nicht zum freundlichen, nachhaltigen Image, mit dem sich Branche wie Szene gerne schmücken. Betroffen sind so gut wie alle großen Player: Giant, Merida, Maxxis, Fox - um nur die prominentesten Namen zu nennen. Giant und Merida zählen zu den weltweit größten Fahrradherstellern überhaupt. Viele bekannte Marken, wie zum Beispiel Scott oder Trek, lassen dort ihre Rahmen produzieren.

Bengtsens Recherchen hatten aber nicht nur Empörung zur Folge, sondern sorgten für echte Konsequenzen. Im September 2025 verhängte die US Zoll- und Grenzschutzbehörde (CBP) wegen des Verdachts auf Zwangsarbeit eine so genannte "Withhold Release Order", also einen Import-Stopp gegen in Taiwan produzierte Fahrräder und Komponenten von Giant – auch solche, die dort für andere Marken hergestellt werden. Das sorgte für helle Aufregung bei Herstellern sowie den taiwanesischen Behörden. Noch Anfang Oktober befasste sich Taiwans Parlament mit den Arbeitsbedingungen in der Fahrradbranche und kündigte weitreichende Massnahmen an.

Erste Verbesserungen umgesetzt

Binnen kurzer Zeit reagierte auch die Branche selbst auf den wachsenden internationalen Druck mit ersten konkreten Schritten zur Verbesserung. Bis Ende 2025, so Bengtsens Schätzung, haben alleine Giant, Merida und Maxxis an betroffene Wanderarbeiter insgesamt 7 bis 8 Millionen Euro an Entschädigungszahlungen geleistet. Zudem hat Giant für mehr als 400 Beschäftigte neue und verbesserte Unterkünfte bauen lassen. Faire Überstundenregelungen und Arbeitsbedingungen wurden versprochen, Garantie-Erklärungen geleistet, dass man keine Vermittlungsgebühren mehr von Wanderarbeitern einheben werde. Wie ernsthaft diese Bemühungen um Verbesserung der Arbeitsbedingungen wirklich sind, wird sich weisen, sagt Bengtsen. 

Der US Import-Stopp sorgt in Zeiten der anhaltenden Krise der Fahrradindustrie für Nervosität in der Branche. Hinzu kommt, dass auch in der EU am 14. Dezember 2027 die neue Zwangsarbeits-Verordnung in Kraft treten wird, die den Import und Verkauf von Produkten verbietet, die teils oder vollständig mit Zwangsarbeit hergestellt wurden. Das taiwanesische Wirtschaftsministerium hat im Dezember 2025 bereits erste Seminare angeboten, in denen Branchenvertreter dazu informiert wurden, wie man diesen Regularien entsprechen kann, um Importverbote zu vermeiden. Mit Spannung wird branchenintern die Taipei Cycle Show Ende März 2026 erwartet. Denn Hersteller wie Giant haben angekündigt, dort weitere Schritte zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in ihren Werken bekanntzugeben. Auch andere Unternehmen und große Branchenverbände wollen die Messe nutzen, um das Thema anzusprechen, heisst es.