Swiss Cycling vor historischer Wahl: Wer ist Luana Bergamin? | Ride MTB

Swiss Cycling vor historischer Wahl: Wer ist Luana Bergamin?

Luana Bergamin Swiss Cycling Lenzerheide Weltcup

Die Bündner Politikerin und Sport-Mmanagerin strebt nach oben. Nach dem Ausschluss von Marisa Reich ist Luana Bergamin die einzige verbliebene Kandidatin für das frei werdende Präsidium von Swiss Cycling. Im Gespräch erklärt sie, wie sie den Verband weiterbringen will.

Sport und Politik dominieren das Leben von Luana Bergamin. Die ehemalige Skirennfahrerin war Vorstandsmitglied des Behindertensportverbands Plussport und führt heute ihre eigene Agentur für Event-, Projekt- und Athleten-Management im Bereich Sport anbietet. In ihrer Heimat, der Lenzerheide, ist sie oft auf dem Mountainbike Unterweges, zudem ist sie Präsidentin des Vereins Mountainbike-Weltcup Lenzerheide.

Viel Energie steckt sie auch in ihrer politische Arbeit und Laufbahn. Sie ist Präsidentin der Ortsbürgergemeinde Vaz/Obervaz GR und Graubündner Grossrätin, also Mitglied des Kantonsparlaments.

Bei Swiss Cycling war sie schon einmal als Angestellte der Geschäftsstelle. Jetzt will sie an die Spitze der Organisation. Und nach dem Ausschluss ihrer einzigen Konkurrentin scheint die Bahn frei zu sein für die 40-Jährige Bündnern.

Deine einzige Konkurrentin um das Präsidium ist von der Wahl ausgeschlossen worden. Im Sport würde man sagen, du hast durch Disqualifikation deiner Gegnerin gewonnen. Wie fühlt sich das für dich an?

Ich bin nicht Teil des aktuellen Vorstands oder der Geschäftsstelle und bin in diesen Prozess nicht involviert, deshalb kann ich mich dazu nicht äussern. Ich bin unabhängig und unvorbelastet. Mein Fokus liegt auf meinen  Kompetenzen und Netzwerk und davon möchte ich die Delegierten überzeugen.

Manche Leute sagen, dass du Thomas Peters Kandidatin für das Präsidium seist. Mit Marisa Reich habe er hingegen das Heu nicth auf der gleichen Bühne. Was sagst du dazu?

Meine Kandidatur ist eine persönliche Entscheidung, die alleine aus meiner Leidenschaft für den Schweizer Radsport gewachsen ist. 

Ich gehöre aktuell weder zum Vorstand noch der Geschäftsstelle von Swiss Cycling an und bringe entsprechend die nötige Unabhängigkeit mit. 

Mein Ziel ist eine sachliche und zukunftsorientierte Führung für Swiss Cycling, als Basis für die zukünftigen Erfolge im Schweizer Radsport. 

Warum willst du Präsidentin von Swiss Cycling werden?
 
Sport begleitet mich seit Kindesbeinen, ich bin seit vielen Jahren in der Sportbranche tätig, unter anderem als Präsidentin des Vereins Mountainbike Worldcup Lenzerheide. Am Radsport fasziniert mich seine Vielseitigkeit, fast jeder Mensch hat mit dem Velo zu tun, ob als Transportmittel oder als Sportgerät.

Du warst schon einmal bei Swiss Cycling angestellt. Was war deine Aufgabe und warum hast du den Verband damals verlassen?

Ich habe auf der Geschäftsstelle gearbeitet als Leiterin Dienste. Das war zu der Zeit, als wir Swiss Cycling umstrukturiert haben. Ein Resultat davon war, dass es meinen Job, wie ich ihn ausgeführt hatte, nicht mehr gab und ich in eine weniger strategische und mehr operative Rolle hätte wechseln müssen. Das wollte ich nicht, darum habe ich Swiss Cycling damals verlassen – im Guten, möchte ich betonen und der Entscheid ist mir damals nicht leicht gefallen. 

Du hast dich sozusagen selbst weg restrukturiert?

Genau. Das ist doch oft so: Wenn man einen Job richtig macht, braucht es diese Stelle am Ende gar nicht mehr oder nicht mehr in derselben Form. Was sich jetzt auch bestätigt: Wenn man offen und ehrlich kommuniziert, gibt es auch einen Weg zurück und den möchte ich jetzt gehen. 

Wann hast du dich entscheiden für das Präsidium von Swiss Cycling, zu kandidieren?

Das war ein längerer Prozess über mehr als ein halbes Jahr. Ich habe mir verschiedenen Leuten aus dem Radsport geredet, der Austausch mit Personen ausserhalb des Einflussbereiches von Swiss Cycling und Gespräche mit Personen aus dem Schweizer Sportsystem waren mir ebenso wichtig. Ich habe sie gefragt, ob sie mir die Aufgabe zutrauen und was die Challenges sein könnten. 

Hat dich jemand gefragt, ob du an dem Amt interessiert wärst?

Nein, ich wusste, dass die beiden Co-Präsidenten ausscheiden werden und habe mir überlegt, ob das etwas für mich wäre. 

Hast du immer verfolgt, was bei Swiss Cycling läuft?

Ich bin sowieso in Kontakt mit dem Radsport über meine Rolle beim Mountainbike Weltcup Lenzerheide, als Grossrätin in Graubünden in der Grossratgruppe Velo und bei Swiss Topsport, dem Verband der grössten Sportevents der Schweiz. Da bin ich auch relativ nahe an der Tour de Suisse und der Tour de Romandie. Im Radsport-Ökosystem bin ich immer drin geblieben.

Sprechen wir ein wenig über deine beruflichen, politischen und zuerst deine radsportlichen Hintergründe. Du bist Mountainbikerin, welche weiteren Velos fährst du?

Mein Keller ist überfüllt mit Bikes. Ich fahre auch gerne Gravelbike oder borge mir das Rennvelo meines Vaters. Aber am häufigsten bin ich schon auf Mountainbike-Touren hier in der Lenzerheide. Ab und zu bin ich mit dem Downhill Bike im Park und mache Downhill-Ferien.

Was ist dein Hauptjob neben deinen diversen Ämtern?

Ich bin Inhaberin von Bergamin Sport Coceptions. Wir sind ein kleines Team und führen verschiedene Mandate im Sport aus, organisieren zum Beispiel Events. 

Du hast für Plussport gearbeitet, welche Rolle spielen Inklusion und Parasport heute in deiner Arbeit?

Der spielt immer noch eine grosse Rolle. In ein paar Wochen führen wir das Wintersport-Festival durch. Da können alle Menschen Sportarten ausprobieren. Eine Einstellung, die mir geblieben ist: Wie kann ein Mensch mit dem, was ihm zur Verfügung steht, eine Sportart ausüben. Als Beispiel: Wie kann ein Skifahrer, der nur ein Bein hat, einen schnellen Schwung fahren? Wie sich solche Grenzen verschieben lassen, finde ich faszinierend.

Sollte Para-Cycling bei Swiss Cycling eine grössere Rolle spielen?

Swiss Olympic arbeitet schon länger mit den Behindertensportverbänden daran, den Parasport in den Regelsport zu integrieren. Die UCI hat Para-Cycling schon lange als Sportart aufgenommen.  Ich bin mit den Exponenten im Austausch und würden diesen natürlich fördern. Para-Cycling ist eine Sportart mit riesigem Potenzial, jetzt müssen wir schauen, wie wir Synergien nutzen können, wie man die Rahmenbedingungen der Parasportler verbessern können. Die totale Integration um jeden Preis braucht es meiner Meinung nach nicht. Wir müssen schauen, was gut läuft und wo es Verbesserungspotenzial gibt. 

Du bist auch Politikerin. Als Präsidentin der Ortsbürgergemeinde Vaz/Obervaz und Bündner Grossrätin bist du auf Gemeinde- und Kantonsebene gut vernetzt. Wie gut ist den nationales politisches Netzwerk?

Das ist sehr gross und stabil. Mein Netzwerk reicht vom Bundeshaus über die Parlamentarische Radsportgruppe bis zu Swiss Topsport. 

Ich kenne die politischen Prozesse und Förderlogiken – und weiss, wann und wie man Themen platzieren muss, damit sie Wirkung entfalten.

Wie nutzt du dieses Netzwerk?

Wichtig ist, dass wir vom Sport uns schon einbringen können, wenn auf politischer Ebene ein Thema diskutiert wird, das uns betrifft und nicht erst, wenn der Entscheid gefallen ist. Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass die Parlamentsmitglieder grosse Lust haben, sich für den Sport einzusetzen. Sie wissen, dass er wichtig ist für die Gesellschaft. 

Als Magazin der Trailbiker interessiert uns natürlich besonders, was du für den Zugang zu Singletrails zu tun gedenkst. Was können die Biker in den Kantonen von dir erwarten, die nicht so privilegiert sind, wie jene im Bündnerland?

Ziel ist natürlich , dass es überall so wird wie in Graubünden (lacht). Im Ernst, Mountainbike-Infrastruktur muss in Zukunft ein Schlüsselthema sein. Das friedliche Miteinander auf Wegen und ein respektvoller Umgang mit der Natur ist wichtig. Das Thema ist zentral für den Nachwuchs, für den Leistungssport, für den Tourismus für die Naherholung und für die gesellschaftliche Akzeptanz des Velofahrens. Swiss Cycling muss hier eine koordinierende und vermittelnde Rolle einnehmen zwischen Kantonen, Regionen, Behörden, Nutzergruppen und dem Sport (meinst du: den Exponenten des Sports – ja.) 

Es gibt mittlerweile in den meisten Kantonen und in vielen Regionen lokale Gruppen, die die Mountainbike Community vertreten. Wie soll Swiss Cycling mit diesen zusammenarbeiten? 

In den letzten Jahren sind viele neue und oftmals sehr professionell organisierte Kantonal- und Regionalverbände im Bereich der Mountainbike-Interessenvertretung entstanden. Swiss Cycling soll seine Unterstützung anbieten, den Austausch fördern und ihre Bedürfnisse auf nationaler Ebene vertreten und den Zugang zu Radsport-affinen Parlamentsmitgliedern aus den verschiedenen Kantonen knüpfen. Auf der nationalen Ebene funktioniert das dank der Parlamentarischen Radsportgruppe tipptopp. Das müssen wir auf die kantonale Ebene bringen. Ziel ist, dass die Politiker radsportrelevante Themen auf die parlamentarische Agenda setzen. So können wir sicherstellen, dass die Mountainbike-Infrastruktur weiterhin funktioniert. 

Historisch steht bei Swiss Cycling der Leistungssport im Mittelpunkt. Der Breitensport wurde in den letzten zwanzig Jahren immer wieder priorisiert, die Aktivitäten ausgebaut und dann wieder heruntergefahren. Ist der Breitensport bei Swiss Cycling überhaupt am richtigen Ort?

Swiss Cycling hat den Auftrag, den Leistungssport zu administrieren und internationale Grossanlässe zu beschicken. Gleichzeitig hat der Verband auch eine mindestens so grosse Verantwortung für den Beritensport. Nur wenn sich alle Menschen bewegen können, haben wir genug Nachwuchs, um erfolgreiche Leistungssportler hervorzubringen. Es geht um Infrastruktur, aber auch um Clubs, Trainerausbildung, Ehrenamt. Und schliesslich geht es darum, die Politik dazu zu bringen, dem Radsport genug Mittel zur Verfügung zu stellen.

Ein heisses Eisen unter den Meinungsmachern der MTB-Community ist, wer diese gegenüber der Öffentlichkeit und Politik vertreten soll. Die einen finden, das solle Swiss Cycling tun oder eine Organisation möglichst nah an Swiss Cycling, andere wünschen sich eine Institution, die aus der Community heraus gewachsen ist. Wo stehst du in dieser Frage?

Der Mountainbikesport braucht auf nationaler Ebene eine geeinte Stimme. Mir scheint, dass alle die gleichen Zieleverfolgen. Das ist ja schon mal eine Gemeinsamkeit. In Zusammenarbeit und dem Auftritt gibt es noch viel Potential. Letztes Jahr haben sich einiger der grossen kantonalen MTB-Infrakstruturvereine zusammengeschlossen und möchten sich von Swiss Cycling vertreten lassen. Die Absicht ist, dass  Swiss Cycling die Kantonalverbände und lokalen Vereine besser unterstützen kann. Wenn Swiss Cycling das Sprachrohr ist, dann holt sich der Verband das Know-how der Experten und ist nur der Übermittler. Es freut mich deshalb, dass mit Luise Rohland und Alex Rufibach zwei zentrale Personen für den Mountainbike-Sport ebenfalls als Vorstandsmitglieder kandidieren und mit ihrer Kompetenz die Verbandsentwicklung hoffentlich positiv mitprägen können. Der Radsport ist, was alle Seiten verbindet, das sollten wir nutzen. 

Kannst du das: Leute zusammenbringen, die ein gemeinsames Ziel haben, aber sich über den Weg nicht einig sind?

Leute zusammenbringen, die Sache in den Mittelpunkt stellen und nicht das Persönliche, dafür habe ich ein gutes Gespür. Vermitteln, worum es eigentlich geht, das ist momentan sehr, sehr wichtig. 

Die Freude am Velofahren als verbindendes Element in den Vordergrund stellen, denkst du das hilft?

Es klingt simpel und naiv, aber es ist tatsächlich so. Das ist unsere Gemeinsamkeit. Hier in der Lenzerheide sagen wir oft: Komm, wir besprechen das auf dem Bike. Das macht es für alle leichter. Danach muss man dann aber das Besprochene auch noch festhalten und auf den Boden bringen.