Eine historische Bike-Sammlung braucht dringend ein neues Zuhause | Ride MTB

Eine historische Bike-Sammlung braucht dringend ein neues Zuhause

Chrigel Braun im Velobunker

Chrigel Brauns Velobunker ist voller Monumente der Mountainbike-Geschichte. 100 Bikes hat er, und seine Mitmieter haben noch zehn mehr. Doch jetzt will Zürich die unterirdische Zivilschutzanlage zurück und Chrigel sucht eine neue Schatzkammer.

Diese Geschichte hat mehrere Anfänge. Der wichtigste ist die Hauptperson, Chrigel Braun: Urgestein der Zürcher Mountaibnike-Gemeinde, Godfather des Pizzacup, seit den Achtzigern auf Stollenreifen unterwegs.

Seit bald 40 Jahren kauft er sich immer wieder Mountainbikes, die in der Zeit ihrer Entstehung State of the Art oder in einer bestimmten Hinsicht einzigartig waren. Manche hat Chrigel irgendwann verkauft. Sehr viele hat er behalten. Und er sammelt nicht nur, als Velomech baut er auf und rüstet um, restauriert, komplettiert und perfektioniert seine Oldschool-Bikes, wie er sie nennt. Das hat zu einer museumswürdigen Sammlung geführt, auch wenn er vom Ausstellen nichts hält. «Interessiert ausser ein paar Nerds niemanden.»

Seit vielen Jahren hat der Ostschwieizer, der seit Jahrzehnten in Zürich lebt, seine Velos und Werkstatt in Kellerräumen. Schon zwei Mal musste seine Sammlung umziehen.

 

Der Velobunker unter dem Boden Zürichs

Ein anderer Anfang ist die Kronenwiese in Zürich. Beim Bau des Milchbucktunnels von der Zürcher City nach Oerlikon war sie Bauplatz, Maschinen und Material wurden dort gelagert, die Container mit den Baubüros standen ebenfalls auf diesem Gelände. Nachdem der Milchbuck in Betrieb gegangen war, blieb die Kronenwiese als Brache zurück. In den Nullerjahren durften Biker dort ein par Dirtjumps schaufeln. In den übrig geblieben Hütten mietete sich eine Gassenküche ein, die im Lauf der Zeit von Besetzern übernommen wurde. Dann machte die Stadt Tabula rasa und stellte eine Wohnüberbauung auf das dreieckige Stück Land oberhalb des Letten. Die ganze Zeit aber befand sich darunter eine grosse Zivilschutzanlage. Darin hatten laut Chrigel diverse Bands ihre Übungsräume. Die mussten während des Baus alle raus, danach wurden die Luftschutzkeller neu vermietet.

 

 

Chrigel Braun ergatterte sich einen davon, zusammen mit zwei weiteren Velo-Enthusiasten, der eine zudem Elektrotüfltler, der andere Metall- und Holzfräs-Experte. Stattliche 120 Quadratmeter haben die drei zur Verfügung. Chrigel nutzt rund die Hälfte davon. 50 Bikes stehen dicht an dich aufgereiht oder aufgehängt. 50 weitere habe er aus Platzgründen demontiert. Tatsächlich erblickt man beim genaueren Umhersehen immer wieder Batterien von Rahmen oder Gabeln in einem Regal oder auf einer Abstellfläche, darunter viele Raritäten und Unikate.

«Ich habe mich nie auf eine Marke festgelegt, wie das die meisten Sammler tun», sagt Chrigel. Statt einer sortenreinen Kollektion hat er rund ein Dutzend Klein, ungefähr gleich viele Yeti, dazu mehrere Fat Chance, frühe Santa Cruz, Intense und so exotische Boliden wie ein Downhill Bike von Bob Sticha, ein Foes mit hydrogeformtem Rahmen oder eines der italienischen Marke DM; dessen abenteuerliche Konstruktion den unbedarften Besucher spontan an ein Kunstwerk von Tinguely erinnert, deren Hinterbau laut Chrigel aber Vorbild der Mountainbikes von Specialized und Ancillotti war.

Das ultimative Objekt der Begierde steht ebenfalls im Velobunker, wie Chrigel den unterirdischen Tempel des MTB-Kults nennt. Und es gehört nicht ihm, sondern dem Freund mit den Fräsen: Ein Raleigh mit gemufftem Carbon-Rahmen und dem Tioga-Scheibenrad, das an wen erinnert? Richtig, an John Tomac. Dem habe es gehört, erzählt Chrigel. Der habe es der Glarner Sprintrakete Urs Freuler geschenkt, der es weitergegeben hat, bis es schliesslich beim Fräsmeister unter der Kronenwiese gelandet ist. Freuler meint, von Ride darauf angesprochen: «Das war ein super Bike, mit dem ich lang gefahren bin. Aber irgendwann habe ich es abgestossen.» Chrigel würde es dem Bunkergenossen gerne abkaufen. «Aber er will einen fünfstelligen Betrag. Das kann ich mir nicht leisten.» Wenigstens kann er es anschauen, wann immer er will.

 

Zürich will seine Zivilschutzanlagen zurück

Und damit zum dritten Anfang dieser Geschichte. Die Weltlage hat sich bekanntlich zum Schlechten gewendet. Es herrscht wieder Krieg in Europa und die USA haben ihren militärischen Schutzschirm zumindest rhetorisch zugeklappt. Dass dies der Grund ist, weshalb der Zivilschutz zahlreiche Anlagen zurückwill, bestätigen die Zuständigen zwar nicht, es gebe aber ein «Entmietungskonzept», weshalb viele der stets befristet abgeschlossenen Mietverträge nicht mehr verlängert würden. Zu den Leidtragenden gehören Chrigel und seine Bunkergenossen. Spätestens im Oktober müssen sie draussen sein.

Zufälligerweise geht Chrigel Braun Ende Jahr in den Ruhestand. Schon lange hat er den Plan, dann mehr aus seiner Vintage-Bike-Sammlung zu machen – sie Enthusiasten zum Fahren anzubieten beispielsweise oder Bikeshops Ausstellungsstücke zu leihen, die zu ihnen passen. Er könnte auch anhand seiner Mountainbikes deren Entwicklung von 1985 bis 2012 Schritt für Schritt zeigen – «mit allen Fehlentwicklungen, die schnell wieder verschwunden sind.»

Doch jetzt hat er ein anderes Problem. Er muss für die geschätzten zwei Tonnen Bike-Material eine neue Bleibe finden. Ein bezahlbaren Raum in der nötigen Grösse in Zürich – schwierig bis unmöglich.

 

Wanted: 60 Quadratmeter in Zürich

Chrigel braucht 60 Quadratmeter, um sein Reich gleich grosszügig aufbauen zu können. 30 Quadratmeter würden nur noch reichen, um die Bikes, das Zubehör und die Werkstatt einzulagern. Als Übergangslösung, bis Chrigel eine neue Schatzkammer gefunden hat. Weniger Platz? Weiter weg von seiner Wohnung? Er ist kompromissbereit. Finanziell ist der Spielraum jedoch nicht allzu gross.

Vielleicht findet sich unter den Lesenden dieses Beitrag eine Spur zu einer Lösung. Informationen über leere Räume oder andere Möglichkeiten nimmt Chrigel Braun gern unter velozueri@gmx.ch entgegen.


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