Höll erkämpft sich WM-Titel Nr. 4, Goldstone mit erstem Gold-Ritt
Hölls Befreiungsschlag
Die Downhill-Finals am Sonntag beginnen mit einem Paukenschlag: Doppel-Weltmeisterin Myriam Nicole (FRA) lässt Verletzungen hinter sich und fährt in jedem Sektor Bestzeit, mehr als sieben Sekunden vor allen bisherigen Fahrerinnen. Weder Norwegens Mille Johnset, die dreifache Europameisterin Monika Hrastnik (SLO) noch die US-Amerikanerin Anna Newkirk, zurück nach einer Handverletzung, können die achtfache WM-Medaillengewinnerin gefährden.
Die Schweizerinnen Lisa Baumann (24) und Camille Balanche, Weltmeisterin von 2020 und nun bei ihrer letzten WM vor dem Rücktritt, fahren provisorisch auf die Plätze zwei und drei – doch Nicole bleibt über zwei Sekunden voraus. Dann schiebt sich Frankreichs Marine Cabirou, Silbermedaillengewinnerin 2021, auf Rang zwei. Drei Fahrerinnen stehen noch oben: die britische Bronzegewinnerin von 2024 Tahnée Seagrave, die kanadische Weltcupsiegerin Gracey Hemstreet sowie Valentina Höll, dreifache Weltmeisterin aus Österreich.
Seagrave startet stark, verliert im unteren Teil sechs Sekunden und wird Siebte. Hemstreet hält nicht ganz mit und landet auf Platz vier.
Nun liegt alles bei Höll. Die 24-Jährige hat seit ihrem WM-Sieg 2024 in Andorra kein Rennen mehr gewonnen. Sie ist nach zwei Splits 1.4 Sekunden vorne, verliert etwas Zeit, rettet aber 0.667 Sekunden Vorsprung ins Ziel und feiert ihren vierten Weltmeistertitel.
Es ist Österreichs drittes Frauengold bei diesen Weltmeisterschaften nach Anna Spielmann (E-MTB Cross-Country) und Rosa Zierl (Juniorinnen Downhill).
«Weltmeisterschaften sind immer etwas Besonderes und sie holen das Beste aus dir heraus», sagt Höll überglücklich und fügt an: «Dieses Jahr war definitiv nicht einfach, ich habe mein Feuer nicht gefunden. Ehrlich gesagt habe ich für dieses Rennen nichts erwartet, ich hatte nicht das Gefühl, dass diese Saison die meine ist. Ich wollte einfach mein Bestes geben und nicht an das Ergebnis denken. Heute habe ich mich auf mein Selbstvertrauen und auf den Grund verlassen, warum ich mit dem Fahren begonnen habe – um Spass zu haben – und genau das wollte ich mir zurückholen.»
Goldstone bestätigt Weltcup-Form
Im Männerfinal setzt Ethan Craik (GBR) mit der ersten Zeit unter Jackson Goldstones Qualifikationsmarke einen frühen Bestwert und fährt über 50 km/h im Schnitt. Der deutsche Juniorenweltmeister von 2023, Henri Kiefer, unterbietet kurz darauf sogar die Drei-Minuten-Marke.
Ehemalige Weltmeister wie Aaron Gwin (USA), Charlie Hatton (GBR) und Danny Hart (GBR) bleiben chancenlos. Ronan Dunne (IRL), Sieger des Weltcups in Les Gets, verpasst Kiefers Zeit um nur 0.05 Sekunden. Österreichs Europameister von 2024, Andreas Kolb, ist auf Bestzeitkurs, stürzt aber.
Damit können nur noch drei Fahrer Kiefer stoppen: Weltcup-Gesamtleader Jackson Goldstone (CAN), Titelverteidiger Loris Vergier (FRA) und der fünffache Weltmeister Loïc Bruni (FRA).
Goldstone fährt einen überragenden Lauf, 1.946 Sekunden schneller als Kiefer. Vergier verpasst das Tempo, Bruni stürzt – und Goldstone holt erstmals das Regenbogentrikot.
«Das war wahrscheinlich eine meiner besten Leistungen auf dem Mountainbike. Die ersten beiden Tage habe ich mich schwergetan, aber ab dem Quali-Lauf hatte ich das Gefühl, dass es läuft, und ich habe alle meine Energie auf der Strecke gelassen», sagt Goldstone.
Er widmet seinen Lauf dem kanadischen Downhiller Stevie Smith, der im Jahr 2016 nach einem Motorradunfall gestorben ist.
«Als ich über den Wiesenabschnitt kam, fühlte es sich an, als würde ich auf einem wilden Pferd reiten und mich einfach nur festhalten», ergänzt der neue Weltmeister.
Bilder Downhill-WM Elite
Zierl bestätigt Quali-Bestzeit
Österreichs Lina Frener, Gewinnerin in Loudenvielle, ist die erste Frau mit über 45 km/h und liegt zeitweise deutlich vorne. Dann übernimmt die Neuseeländerin Eliana Hulsebosch mit 3:37.826 die Führung. Die US-Amerikanerin Aletha Ostgaard, Weltcupsiegerin in La Thuile und Pal Arinsal, schiebt sich knapp auf Rang zwei.
Alles hängt nun von der letzten Starterin ab: Rosa Zierl. Die 17-Jährige, schnellste in der Quali und bereits dreifache Weltcupsiegerin in ihrer ersten Juniorensaison, wechselt sich in den Sektoren mit Vor- und Nachteilen ab, behält am Ende aber die Nerven. Mit 3:35.962 (46.908 km/h) holt sie den WM-Titel.
Silber geht an Hulsebosch (+1.864), Bronze an Ostgaard (+2.316). Frener verpasst eine zweite Medaille für Österreich knapp.
«Es ist so gut», jubelt Zierl. «Mir war gar nicht bewusst, wie gut mein Lauf war. Ich wollte einfach ins Ziel kommen. Es ist unglaublich! [Die Strecke] war definitiv besser als gestern, aber immer noch schwierig zu fahren. Ich wollte einfach auf dem Bike bleiben und runterkommen – und das habe ich geschafft!»
Gianna Nef startet schnell und mit liegt bei der ersten Zwischenzeit overall auf Platz sechs. Danach büsst die Schweizerin zwar etwas ein, fährt aber dennoch auf den guten achten Rang. Nefs Gefühle sind gemischt: «Nach einem grossen Sturz im letzten Trainingslauf verlief das Rennen nicht so, wie ich es mir gewünscht hatte. Auch wenn ich nicht vollständig bereit war und es sowohl mental als auch körperlich hart war, bin ich froh, innerhalb der Top-10 zu sein.»
Zwei Medaillen für die Alran-Brüder
Die Schweizer Raoul Schneeberger, Noé Forlin und Marius Krähenbühl liegen zwischenzeitlich vorne, doch im Juniorenrennen der Männer entwickelt sich ein Duell zwischen Neuseeland und den Alran-Brüdern. Dennoch liefern Schneeberger, Forlin und Krähenbühl mit den Rängen acht, zehn und elf ein beachtliches Team-Resultat ab.
Der Neuseeländer Zac Bradley-Hudson unterbricht die Schweizer Führung, ehe der Franzose Till Alran mit 1.972 Sekunden Vorsprung übernimmt.
Titelverteidiger Asa Vermette (USA) hat Pech: Ein Defekt nimmt ihm alle Chancen. Auch der Neuseeländer Oli Clarke, Weltcupsieger in Saalfelden Leogang, liegt lange in Führung, wird im unteren Streckenteil jedoch eingebremst.
Dann kommt Max Alran. Der Franzose, bereits dreifacher Weltcupsieger in dieser Saison, fährt allen davon. Mit 3:00.878 (50.254 km/h) setzt er sich 3.379 Sekunden vor die Konkurrenz und verdrängt seinen Bruder vom Thron.
Nur Neuseelands Tyler Waite kann noch dazwischenfahren und holt Silber. Damit: Gold und Bronze für Frankreich, Silber sowie Rang vier und fünf für Neuseeland.
«Ja, es war richtig gut! Ich bin super happy», sagt Max Alran. «Letztes Jahr war ich Zweiter, das hat wehgetan. Dieses Jahr bin ich der Schnellste. Schade für meinen Bruder, dass er nur Dritter wurde – ich hätte uns lieber auf eins und zwei gesehen. Aber ich bin mega glücklich, ich trage nun das Regenbogentrikot. Das bedeutet, dass man der Beste der Welt ist!»
Bilder Dowhill U19
Champéry, das Downhill-Königreich
Der Bikepark Champéry–Morgins-Les Crosets liegt im Herzen des Skigebiets Portes du Soleil und ist ein wahres Eldorado für Mountainbike-Fans. Mit seinen 10 Downhill-Strecken, darunter die legendäre Weltcup-Piste, einer Pumptrack-Anlage, vier Seilbahnen/Sesselliften und sechs Verleih-/Reparaturstellen, heisst der Bikepark von Ende Mai bis Ende Oktober alle willkommen, vom Anfänger bis zur erfahrenen Profiathletin. Insgesamt ermöglicht das Gebiet Portes du Soleil Zugang zu 600 km markierten Wegen, 24 Bahn- und Liftanlagen und fünf miteinander verbundenen Bikeparks in der Schweiz und in Frankreich.
Ihren legendären Ruf verdanken die Region und Champéry aber natürlich vor allem der Weltcup-Piste: Sie wurde 2006 ins Leben gerufen und erlangte 2011 mit dem mythischen Lauf von Danny Hart historischen Status. Nach einem Jahrzehnt der Abwesenheit wurde die Strecke mit Hilfe der Schweizer Armee und des Shaping-Teams von Ben Walker modernisiert. 2024 feierte sie anlässlich der Europameisterschaften ihr grosses Comeback, bevor sie dieses Jahr auf die Weltbühne zurückkehrte. Mit einem durchschnittlichen Gefälle von 33 Prozent und Passagen mit bis zu 60 Prozent Gefälle, den Wurzeln, Felsbrocken und engen Kurven fordert die Piste von Champéry selbst den besten Downhill-Fahrerinnen und -Fahrer der Welt Höchstleistungen ab.
Zuschauerrekord in Champéry
Das Publikum kam in Scharen nach Champéry und bestätigte damit die ungebrochene Anziehungskraft der Downhill-Wettkämpfe. Bereits am Samstag hatten mehrere Tausend Zuschauer die Rennen mitverfolgt und für eine denkwürdige, grossartige Atmosphäre gesorgt. Am Sonntag brach die Zuschauerzahl alle Rekorde für das Elite-Rennen. Die legendäre Piste von Champéry verwandelte sich in eine echte natürliche Arena, in der die Fahrerinnen und Fahrer in jeder Kurve und bei jedem Sprung lautstark gefeiert wurden. Insgesamt waren an diesem Wochenende mehr als 15'500 Personen in Champéry (Publikum, Athletinnen und Athleten, Mitarbeitende und Freiwillige) und mehr als 18'000 Personen während der gesamten Veranstaltung.