Südtiroler Legende: Kurt Resch spiegelt den MTB-Sport wie kein anderer
Ein paar Räder lehnen am Morgen an der Hauswand, die Helme liegen bereit, irgendwo klickt ein Pedal ein – diese Szene gehört heute zu vielen Mountainbike-Hotels in den Alpen. Im Hotel Steineggerhof zwischen Bozen und dem imposanten Rosengarten-Dolomiten ist die Szenerie nicht einfach Kulisse, sondern Ergebnis einer Entwicklung, die weit vor Dropper-Posts, Trailparks und E-Mountainbikes begann: mit einer Anzeige, auf die sich zunächst niemand meldete.
Mitte der 1990er-Jahre war Mountainbiken noch nicht der breit etablierte Urlaubscode, der er heute ist. Kurt Resch als junger Gastgeber im Steineggerhof setzte trotzdem früh auf das Thema: Im Jahr 1994 schaltete er das erste Inserat für ein Mountainbike-Camp in der «bike». Resonanz: keine. Ein Jahr später dann der erste kleine Durchbruch – zwei Mountainbiker, Achim und Sedat, standen vor der Tür. Für Kurt Resch waren das nicht einfach «die ersten Gäste», sondern eine Art Realitäts-Check im Gelände: bergauf wie bergab konnte er mit den beiden Gästen nicht mithalten. Sie warteten – nicht aus Höflichkeit, sondern auch, weil sie die Gegend nicht kannten.
Was heute selbstverständlich klingt – geführte Touren, Ortskenntnis, Logistik, passende Routen – musste damals erst erfunden werden. Und es wuchs nicht auf Knopfdruck. Für den Steineggerhof bedeutete dies: Die Zahl der Biker verdoppelte oder verdreifachte sich zwar jedes Jahr, aber wer mit zwei Leuten beginnt, braucht Geduld, bis sich daraus ein tragfähiges Angebot entwickelt.
Als 50 bis 90 Kilometer normal waren und Seilbahnen verpönt
Wer heute als Hotel-Guide eine «Hausrunde» plant, denkt oft an Trail-Anteil, Flow-Faktor, Shuttle-Fenster. In den 1990ern war die Taktik eine andere – auch, weil die Technik eine andere war. Die Räder standen am Anfang der Bike-Evolution, anspruchsvolle Trails konnten nur wenige fahren. Also ging es weit: 50 bis 90 Kilometer, 1200 bis 2000 Höhenmeter, manchmal mehr. Forstwege, Waldwege, allenfalls leichte Singletrails: ja. Asphalt: bitte nicht.
Seilbahnen waren damals für viele ein Tabu, Shuttle-Taxis existierten praktisch nicht. Touren wie die Latemar-Umrundung, der Prügelsteig am Schlern, die Schlern-Umrundung oder die Jochgrimm-Tour starteten direkt am Hotel – ohne Lift, ohne Transporthilfe versteht sich. Damals war klar: Wer kam, hatte Kondition.
Der Sprung von Fitness zu Technik hängt in der Folge an einer simplen Masseinheit: Federweg. 2,5 Zentimeter bei frühen Manitou-Gabeln, später 6 Zentimeter bei der Marzocchi XC 600 – und als 8 Zentimeter auftauchten, war die Reaktion zunächst: «Das braucht kein Mensch.» Wie so oft lag die Zukunft genau dort, wo man sie erst belächelt.
Fullys waren damals noch Exoten; das erste eigene Fully im Haus war ein Cannondale mit Carbonschwinge und eine Art Statussymbol, das man nicht einfach fuhr, sondern vorzeigte. Kurt hegt und pflegt das legendäre Cannondale bis heute, mittlerweile aber als eine Art Museumsstück. Mit wachsender Fahrwerks-Performance verschob sich auch das Programm: Aus geführten Touren wurden «Singletrail-Touren», Spezialisierung statt Allround.
Guiding zwischen Mise en place und Spätrückkehr
Das Steineggerhof-Narrativ ist dabei nicht die romantische Geschichte vom Bike-Pionier Kurt Resch allein, sondern vom Spagat. Der Hotelier war Chefkoch und fuhr trotzdem gleichentags Touren mit Gästen. Anfangs zwei geführte Ausfahrten pro Woche, später mehr, wenn Gruppen nicht zusammenpassten oder Gäste öfter fahren wollten. Das klingt nach «Leidenschaft», hatte aber einen handfesten Preis: Fleisch und Gemüse vorbereiten am Vortag, Absprachen mit dem Team, Rückkehr am späten Nachmittag – manchmal direkt vom Trail in die Küche, ohne umzuziehen.
Aus heutiger Sicht ist das die vielleicht ehrlichste Passage: Guiding war kein Zusatzangebot, das man mitlaufen lässt, sondern eine zweite Schicht – in einer Zeit, in der es weder Standardprozesse noch ein eingespieltes Guide-Team gab.
1998: Bikehotels als Antwort auf eine wachsende Szene
Die nächste Wegmarke war strategisch: In Magazinen sah man, dass auch andere Südtiroler Betriebe um Mountainbiker warben. Daraus entstand die Idee, sich zusammenzutun, gemeinsam grössere Inserate zu schalten: Im Jahr 1998 wurden unter der Ägide von Kurt Resch die «Bike Hotels Südtirol» gegründet.
Das ist mehr als Anekdote. Es markiert den Moment, in dem aus einzelnen Enthusiasten eine vermarktbare Struktur wurde. Es war eine frühe Form dessen, was wir heute als Netzwerke, Qualitäts-Labels und Destination-Branding kennen.
Spätestens mit dem Wachstum kam die Grenze des Machbaren. Im Jahr 2004 stellte Kurt den ersten eigenen Bikeguide an: Christoph Frei. Er fuhr drei geführte Touren pro Woche fürs Haus, an drei Tagen für ein anderes Bikehotel. Es war ein Modell, das zeigt, wie jung und dünn die Guide-Landschaft damals noch war.
Auffällig ist ein weiterer Schnitt: 2009 bis 2017 war der Hotelier nicht mehr in der Küche, sondern hauptsächlich als Bikeguide tätig. 130 Touren summierten sich bei Kurt Resch pro Jahr. Heute, zurück am Herd, sind es noch 10 bis 20. Das ist kein Rückzug vom Bike, sondern eine Erinnerung daran, dass Spezialisierung im Betrieb auch bedeutet: Rollen ändern sich. Und es ist der konsequente Schritt von Kurt Resch als Pionier: Er hat den Steineggerhof zu einem der ersten Bio-Hotels aufgebaut in seinem unermüdlichen Vorwärtsdrang.
Medien, Marken, Shootings: Als das Hotel zur Kulisse wurde
Mit der Professionalisierung kam Sichtbarkeit. Gute Kontakte zu Fahrradindustrie, Fotografen und Filmern halfen, den Steineggerhof als Bikehotel bekannter zu machen. Der Hotelier war als Scout unterwegs, suchte Locations; Teams von Flyer und Bosch drehten am Rosengarten, teils mit bis zu 20 Personen vor Ort – inklusive Verpflegung, Logistik, Models. Bildmaterial aus der Gegend landete in Printmedien und erhöhte die Bekanntheit. Auch hier zeigt sich ein Muster, das viele Betriebe kennen: Nicht nur Trails und Touren machen ein Bikehotel gross, sondern insbesondere auch Bilder, Geschichten und Multiplikatoren.
Irgendwann kippt jede Pioniergeschichte in die Phase, in der nicht mehr man selbst den Takt vorgibt. Ohne Shuttle und Seilbahn ging bald nichts mehr. Spätestens ab dem Jahr 2014 spürte man die Konkurrenz der Skigebiete, die ihre Sommerangebote für Mountainbiker ausbauten, nachdem sie diese zuvor eher abgewiesen haben.
Und dann kommt der Einschnitt, der die gesamte Szene umkrempelte: E-Mountainbikes. Im Jahr 2011 testeten der Hotelier und Guide Dieter einen frühen E-Bike-Prototypen. Er hat ihnen allen ein Lachen aufs Gesicht gezimmert. Ein Jahr später standen erste Leih-E-Bikes im Hotel, damals noch Hardtails mit 300-Watt-Akku, fürs Gelände kaum geeignet, aber genug, um eine neue Zielgruppe zu erreichen: Forstwegfahrer.
Der Weg zur Geländetauglichkeit der E-Bikes lief über Technik, aber die eigentliche Hürde war kulturell: Niemand wollte es sein, der «E» fährt. Selbst kostenloses Testen überzeugte viele nicht – aus Prinzip, Weltanschauung und sportlichem Ehrgeiz. Heute, so die späte Genugtuung, fahren viele der damaligen Kritiker selbst E-Bike.
Interessant ist auch die Prognose, die sich nur teilweise erfüllte: Man erwartete, dass vor allem technisch versierte Biker auf E-MTBs wechseln würden, um auch bergauf «Flow» zu erleben. Stattdessen kamen zuerst Familien, Nichtbiker, Tourenradfahrer – drei Gruppen, die stark wuchsen und heute einen wichtigen Teil der Gäste ausmachen. Das verändert Guiding radikal: Zu den Trails kommen vermehrt auch wieder Forst- und Waldwegtouren, mehr Fahrtechnik für Anfänger, mehr lokale Kurse und nebenbei neue Themen wie Reichweitenplanung und Ladepunkte auf Hütten. Die Sportart ist spürbar breter geworden.
Den klassischen, oft miefigen Bikeshuttle braucht es inzwischen kaum noch, konstatiert Kurt. Viele dieser Touren funktionieren mit und dank dem E-Bike direkt vom Hotel aus.
Guiding 2026: weniger Wettkampf, mehr Gruppengefühl – aber komplexer
Mit dem E-Mountainbike wurde die Konditionsfrage entschärft, nicht aber die Technikfrage. Im Gegenteil: Wenn körperliche Unterschiede wegfallen, prallen Fahrkönnen und Selbstüberschätzung manchmal härter aufeinander. Und die Szene hat sich sozial verändert: Vor zwanzig Jahren eher Wettkampf, jeder wollte den Guide abhängen; heute ist der gemeinschaftliche Aspekt viel wichtiger.
Dazu passt der nächste Baustein der Professionalisierung: Fahrtechnik-Fortbildungen. Kurt hat im Jahr 2011 Harald Philipp eingeladen, bei ihm einen Kurs zu leiten – inklusive Stilbruch: Klickpedale runter, Flatpedale rauf, Sattel runter. Später kamen weitere bekannte Namen der Szene für Technik- und Trail-Camps, unter anderen Marcus Klausmann, Manfred Stromberg, Stefan Herrmann, Daniel Schäfer, Stefan Schlie oder Tom Öhler.
Was vom Anfang bleibt
Die Geschichte des Mountainbike-Guidings im Steineggerhof ist keine lineare Erfolgskurve, sondern eine Folge von Anpassungen: von Ausdauer-Expeditionen ohne Lift über den Federweg-Sprung zum Singletrail-Fokus, von der Ein-Mann-Show zwischen Küche und Trail zur Guide-Struktur – und schliesslich zur E-Bike-Realität, die Zielgruppen, Routen und Dynamik neu sortiert hat.
Am Ende wirkt die erste, unbeantwortete Anzeige von 1994 wie ein Vorzeichen: Wer früh dran ist, muss damit leben, dass die Welt erst später versteht, was da gerade entsteht. Und manchmal braucht es dafür nur zwei Gäste, die warten, weil sie nicht wissen, wohin. Und einen Hotelier, der trotzdem wieder aufs Rad steigt.