Test: Ibis Oso – ein «Vogel» mit Charakter
Betrachtet man das Oso von der Seite, gleicht die Rahmenform sehr dem Vogelsymbol des neuen Ibis-Logos. Die Amerikaner haben sich viel Zeit gelassen, bis sie ihr erstes E-MTB auf den Markt gebracht haben. Das Resultat ist ein einzigartiges Bike. Die auf die Abfahrt ausgelegte Geometrie definiert – in Kombination mit einer 170-Millimeter-Gabel – den Enduro-orientierten Einsatz. Das Oso ist nur mit einer Ausstattungsvariante erhältlich, dafür in zwei Farben und vier Rahmengrössen: S und M im Mullet-Setup, L und XL im 29-Zoll-Aufbau. Am Heck warten 155 Millimeter Federweg auf ihren Einsatz. Das Bike wird von einem «Performance Line CX»-Motor von Bosch mit 750-Wh-Akku angetrieben. Ibis stattet das E-Bike mit einem neuen Federungssystem aus, ein überarbeitetes DW-Link-System, das sich «Upper Link Suspension» nennt.
Das Bike im Einsatz
Das Oso-Cockpit baut hoch, die Sitzposition ist entsprechend aufrecht. Der Sitzwinkel und die Sattelposition gefallen, bergwärts tritt es sich angenehm, selbst bei sehr hoher Kadenz. Trotz viel Federweg klettert das E-Enduro verblockte Pfade bestens hoch und das mit viel Feedback vom Untergrund. Geht es in die Abfahrt, verschwindet die Rückmeldung vom Hinterrad, ein Gefühl von endlosem Federweg stellt sich ein. Der neue DW-Link ist sehr feinfühlig und reicht kaum Schläge durch, obschon die Progression hoch ist. Bei harten Bremsmanövern bleibt das Heck aktiv und gewährt viel Grip und Bremstraktion. Es ist erstaunlich, dass das Bike mit bester Wendigkeit brilliert, aber die Laufruhe eines Downhillers besitzt. Egal, ob das Bike bei schnellen Richtungswechseln in die Kurve gedrückt wird oder ob es bei niedriger Geschwindigkeit darum geht, die Balance zu halten, um über Hindernisse zu zirkeln.
Moderates Gelände behagt dem Oso nicht sonderlich, es schreit nach Action. Mit diesem E-Bike sind flowige Trails oder Transferstrecken schlicht langweilig. Es fühlt sich an wie eine Fahrt mit einem Rally-Rennauto durch die Fussgängerzone einer Innenstadt.
Fazit
Das Ibis Oso fährt sich anfangs etwas störrisch. Es ist kein Bike nach dem Motto: aufsitzen und Spass haben. Es ist wie bei einer Liebesbeziehung, es gilt, sich zu finden und anzupassen. Hat man den temperamentvollen Charakter des Osos erfasst, startet die Verschmelzung ähnlich einem Liebesspiel. Mensch und Maschine werden eins und sind nicht mehr zu bremsen. Bergab sind keine Grenzen gesetzt, das Oso meistert gröbstes Gelände und macht auch im Bikepark eine gute Falle. Bergauf ist Schluss, wenn der Akku leer ist, denn die 24.5 Kilo will man ohne Unterstützung nicht hochtreten.
Sacha Steiner