Die 10 MTB-Mythen, auf die selbst erfahrene Biker hereinfallen | Ride MTB

Die 10 MTB-Mythen, auf die selbst erfahrene Biker hereinfallen

Towfiqu barbhuiya - Unsplash

Fast jeder Mountainbiker glaubt an mindestens einen dieser Mythen. Manche kosten Fahrspass, andere sogar Geschwindigkeit – und einige sind längst widerlegt. Zehn weit verbreitete Irrtümer, die Alle kennen sollten.

Irrtum 1: Wer später bremst, ist automatisch schneller

"Später bremsen" gilt seit jeher als Rezept für schnelle Abfahrten. Tatsächlich gewinnt aber nicht derjenige Zeit, der möglichst spät in die Eisen greift, sondern jener, der möglichst wenig bremsen muss. Richtig schnelle Mountainbiker beginnen oft früher und dosierter zu verzögern. Dadurch bleibt das Bike ruhiger, die Reifen behalten mehr Grip und die Kurve lässt sich flüssiger durchfahren. Wer dagegen bis zur letzten Sekunde wartet und dann voll zupackt, blockiert leichter das Rad oder verliert die Ideallinie. Wer mit deutlich mehr Schwung aus den Kurven heraus fährt, ist schneller.

Fazit: Schnelligkeit entsteht durch einen flüssigen Fahrstil – nicht durch möglichst spätes Bremsen. Wobei natürlich klar ist: Wer später bremst, ist definitiv länger schnell – zumindest theoretisch und mit einem Augenzwinkern zu verstehen.

Irrtum 2: Mehr Sag bedeutet automatisch mehr Grip 

Wer mehr Grip sucht, lässt einfach etwas Luft aus dem Dämpfer. Diese Empfehlung ist nicht selten zu hören – sie stimmt aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein grösserer Negativfederweg verbessert zwar die Sensibilität. Wird das Fahrwerk jedoch zu weich abgestimmt, sackt das Bike tief in den Federweg ein, verändert die Geometrie und verliert Unterstützung. Gerade in Anliegern oder schnellen Kurven fühlt sich das Bike dann schwammig an. Deshalb arbeiten Fahrwerksexperten nicht nur mit dem Sag, sondern auch mit Druckstufe, Zugstufe und Volumen-Spacern. Erst das Zusammenspiel aller Einstellungen sorgt dafür, dass die Reifen möglichst konstant Bodenkontakt halten.

Fazit: Mehr Sag bringt nicht automatisch mehr Grip. Entscheidend ist die Balance des gesamten Fahrwerks. 

Irrtum 3: Carbonlenker dämpfen Vibrationen deutlich besser

Viele Hersteller werben damit, dass Carbonlenker Schläge besser absorbieren als Aluminium. Ganz falsch ist das nicht – die Unterschiede werden jedoch häufig überschätzt. Messungen zeigen zwar, dass Carbon bestimmte Schwingungen anders weiterleitet. Auf dem Trail beeinflussen aber Reifen, Luftdruck im Pneu und Fahrwerk und Griffe den Komfort deutlich stärker. Wer einen zu hohen Reifendruck fährt, wird den Wechsel auf einen Carbonlenker kaum spüren.

Fazit: Ein Carbonlenker kann den Komfort leicht verbessern. Die grössten Hebel liegen jedoch bei Reifen, Fahrwerk und Cockpit.

Irrtum 4: Breitere Lenker sind immer besser 

Vor einigen Jahren galten 800 Millimeter breite Lenker als Nonplusultra. Viele Fahrer übernahmen dieses Mass ungefragt. Heute angesagt sind wieder Lenker mit 760 oder 780 Millimeter Breite. Der Grund: Ein zu breiter Lenker erschwert Richtungswechsel, belastet Schultern und Handgelenke und passt nicht zu jeder Körpergrösse. Gerade auf engen Waldtrails können wenige Zentimeter weniger sogar Vorteile bringen.

Fazit: Breiter ist nicht automatisch besser. Der Lenker muss zur Anatomie und zum Einsatzgebiet passen. 

Irrtum 5: Kürzere Kurbeln sind nur etwas für kleine Fahrer 

Lange Zeit galt: Je grösser der Fahrer, desto länger die Kurbel. Inzwischen setzen Hersteller selbst bei grossen Rahmengrössen auf 165 oder 170 Millimeter lange Kurbeln. Kürzere Kurbeln reduzieren Pedalaufsetzer, schaffen mehr Bodenfreiheit und harmonieren besser mit modernen Geometrien, deren Tretlager tiefer liegen als früher.

Fazit: Die ideale Kurbellänge hängt nicht nur von der Körpergrösse ab, sondern auch vom Bike und dem bevorzugten Terrain. 

Irrtum 6: 29 Zoll ist grundsätzlich schneller 

Seit sich 29-Zoll-Laufräder durchgesetzt haben, scheint die Sache klar: Grössere Räder rollen leichter über Wurzeln und Steine, halten das Tempo besser und sind deshalb automatisch schneller. Tatsächlich spielen 29-Zöller ihre Stärken vor allem auf schnellen, ruppigen Trails aus. Sie überrollen Hindernisse souverän und vermitteln viel Laufruhe. Doch Geschwindigkeit ist nicht alles. Auf engen, verwinkelten Singletrails oder in Spitzkehren fühlen sich kleinere Laufräder oft agiler an. Auch Fahrer mit kleiner Körpergrösse profitieren nicht immer von den grossen Rädern, weil sich ein kompakteres Bike leichter bewegen lässt. Nicht ohne Grund setzen einige Enduro- und Downhill-Bikes heute auf Mullet-Konzepte mit einem 29-Zoll-Vorderrad und einem kleineren Hinterrad. So lassen sich die Vorteile beider Welten kombinieren.

Fazit: 29 Zoll ist auf vielen Strecken die schnellste Wahl – aber längst nicht für jeden Fahrer und jedes Gelände. Das gilt übrigens auf für 32 Zoll.

Irrtum 7: Die Zugstufe spielt kaum eine Rolle 

Beim Fahrwerk achten viele Mountainbiker zuerst auf den Luftdruck. Die Zugstufe – also wie schnell Gabel oder Dämpfer nach einer Kompression wieder ausfedern – bleibt dagegen oft unangetastet. Dabei verändert gerade diese Einstellung das Fahrverhalten enorm. Ist die Zugstufe zu langsam eingestellt, "stapelt" sich das Fahrwerk auf ruppigen Passagen auf und nutzt immer weniger Federweg. Ist sie dagegen zu schnell, federt das Bike unruhig zurück und verliert aufeinanderfolgenden Schlägen leichter den Bodenkontakt. Deshalb ist es ratsam, Änderungen an der Zugstufe bewusst auszuprobieren. Schon ein oder zwei Klicks können das Fahrgefühl deutlicher verändern als ein paar PSI Luftdruck. 

Fazit: Ein gutes Fahrwerk besteht nicht nur aus dem richtigen Luftdruck. Die Zugstufe gehört zu den wichtigsten Einstellmöglichkeiten überhaupt. 

Irrtum 8: Ein steiler Sitzwinkel passt jedem

Steile Sitzwinkel gehören zu den grossen Trends der vergangenen Jahre. Sie verbessern die Klettereigenschaften und halten das Vorderrad auf steilen Anstiegen besser am Boden. Allerdings passt diese Sitzposition nicht jedem Fahrer gleich gut. Menschen mit langen Oberschenkeln oder einer speziellen Sitzhaltung empfinden extrem steile Sitzwinkel manchmal als unangenehm und schieben den Sattel bewusst etwas nach hinten. Bike-Hersteller wählen ihre Geometrien deshalb immer als Kompromiss – und lassen genügend Spielraum für individuelle Anpassungen.

Fazit: Ein steiler Sitzwinkel bringt Vorteile. Ob er ideal ist, hängt aber auch von der Anatomie des Fahrers ab. 

Irrtum 9: Ein E-MTB ersetzt Fitness 

"Mit Motor ist das doch kein Sport mehr." Kaum ein Vorurteil hält sich hartnäckiger als dieses. Natürlich nimmt der Motor einen Teil der Belastung ab. Gleichzeitig nutzen viele E-Mountainbiker die Unterstützung, um häufiger aufs Bike zu steigen, längere Touren zu unternehmen und deutlich mehr Höhenmeter zu sammeln. Wer früher nach 1000 Höhenmetern erschöpft umkehrte, fährt heute vielleicht 1800 Höhenmeter – und verbringt entsprechend mehr Zeit im Sattel. Die Belastung pro Minute auf dem E-MTB fällt zwar geringer aus als auf dem klassischen Mountainbike, über die gesamte Tour kann sie jedoch ähnlich hoch sein.

Fazit: Ein E-MTB ersetzt Fitness nicht. Es verändert vielmehr die Art, wie und wie lange trainiert wird. 

Irrtum 10: Die Geometrie entscheidet allein über das Fahrverhalten 

Reach, Stack oder Lenkwinkel stehen immer noch in vielen Produktpräsentationen im Mittelpunkt. Schnell entsteht der Eindruck, dass diese Zahlen allein darüber entscheiden, wie gut ein Bike fährt. In der Praxis ist das Bild deutlich komplexer. Zwei Bikes mit nahezu identischen Geometriedaten können sich überraschend unterschiedlich anfühlen. Reifen, Laufräder, Fahrwerk, Cockpit oder die Rahmensteifigkeit verändern den Charakter eines Bikes spürbar. Hinzu kommt, dass jeder Fahrer ein Bike etwas anders wahrnimmt und andere Vorlieben hat. Eine Probefahrt liefert oft mehr Erkenntnisse als jede noch so detaillierte Geometrietabelle. 

Fazit: Geometrie ist ein entscheidender Faktor – aber eben nur ein Teil des Gesamtpakets.