Ein Rentner wehrt sich: «Das E-MTB ist mein Medikament»
«Mein Biker-Leben begann irgendwann zwischen Mitte und Ende der 70er Jahre. Mein erstes Specialized Rockhopper von Anfang oder Mitte der 80er fährt hier immer noch bei jemandem in der Gegend rum. Im Sommer 86 hab ich mein Bike auf dem Schlern in den Dolomiten getragen. Einmal und nie wieder! Anfang der Neunziger kam das Mountainbike im Bewusstsein der Deutschen an: Zwei Südtiroler, einer von ihnen Ski-alpin-Profi fuhren für «Wetten, dass..?» ein Rennen auf Schnee. Zu diesem Zeitpunkt erkundete ich schon weit über zehn Jahre auf meinem Bike die Welt, oder genauer, die Alpen in Südtirol, der Zentralschweiz und in Ligurien. Dazu mein Heimrevier Hessen.»
Christian hätte allen Grund, sich selber als Bike-Rebellen zu bezeichnen, um nicht zu sagen, als Partisan auf fremdem Staatsgebiet: «Ich dürfte einer der Ersten gewesen sein, die ihr Bike nicht nur um den Göschenenstausee herum trugen – unter Vollsperrung, weil das Schweizer Militär da noch in den Gletscher unterhalb des Rhonestocks geschossen hat – sondern auch noch hoch zur Bergseehütte bewegt haben. Die Kommentare der Menschen unterwegs lasse ich weg. Und die Ansage aus dem Lautsprecher des Militär-Helikopters war auch eindeutig: ‚Mach, dass du Land gewinnst!‘ Was ich mit diesen wilden Jahren verbinde, ist eher ein Kampf gegen die verbalen und echten Attacken von Wanderern, Almbauern, Hunden und gegen die extremen Beschränkungen in Österreich. Dieses Land boykottiere ich als Biker seither und bis heute.»
«Ende der 90er waren es dann eine Zeitlang Offroadfahrer auf dem Ligurischen Grenzkamm und Motobiker am Tremalzo am Gardasee, die mir als Mountainbiker nach dem Leben trachteten. Das war meine wilde Zeit. Doch warum mache ich weiter? Nicht deshalb, nicht um mich wild zu fühlen. Das Erlebnis zählt: Das Bike, die Landschaft und ich. Mal herausfordernd, mal einfach nur schön und immer wieder die Genugtuung, einen Anstieg, eine Passage, eine Linie, eine Tour geschafft zu haben.»
Doch die Zeit ist nicht spurlos an Christian vorbeigegangen: «Mein Berufsleben hat mich körperlich und mental sehr gefordert und mit gut 60 Kilogramm bei 181 Zentimetern war es immer eine Gratwanderung bei sportlicher Belastung. Das Belastungsasthma tat das Übrige. Irgendwann war klar: Der Puls muss runter, weniger harte Anstrengung ist angesagt. Dafür wurde, gerade rechtzeitig, ein Medikament erfunden: das E-Bike. Damit war meine Welt wieder in Ordnung und der rote Bereich kam nur noch, wenn ich den Klopper über Baumstämme hieven oder Steilstufen hochwuchten musste. Gipfeltouren mit dem Bike auf dem Rücken fallen natürlich auch weg. Aber ich bin weiter unterwegs, das ist die Hauptsache.»
«Und wie das mit Medikamenten so ist: Sie können süchtig machen. Deshalb habe ich die Evolution des E-MTB voll mitgemacht.»
«Ich verstehe das E-Mountainbike als eine Ausprägung des Sports – nicht besser, nicht schlechter, nicht unberechtigt, nicht überheblich und schon gar nicht als Rentnerbike. Wenn ich schwer angestrengt mit 20 bis 30 Prozent Unterstützung irgendwo hochkurble, heizen die Jungspunde auf ihren E-Bikes wie bekloppt bergauf an mir vorbei. Wer hat hier ein Problem? Ich vermute, wir haben alle einfach unseren Spass.»
Ein Totschlag-Argument gegen das E-Mountainbike, kennt Christian nicht nur, er findet sogar: «Stimmt. Aber gehören alle Führerscheininhaber auf die Strasse? Wieviel Skifahrer werden von ihren Ski gefahren? Wie viele Turnschuhwanderer sind auf dem Weg auf 3000er? So ist unsere Welt und wir müssen das aushalten. Mit Vernunft, Augenmass und einer Portion Eigenverantwortung sollten wir den weiteren Weg gehen. Und auf dem Mountainbike fahren.»
«Mit Ride verbinde ich sehr viel von meiner Motivation fürs Biken, fürs Unterwegssein, für die Berge. Deshalb hat mich die Polemik von Thomas Giger auch so umgehauen.»
Eine Woche lang habe er mit sich gerungen, schreibt Christian in seiner E-Mail. Nachdem der Blog mit der Gegenmeinung erschienen ist, habe er sein Abonnement doch nicht gekündigt. Im Sommer sei er wieder im Maderanertal, wolle aber auch den neuen Furkatrail ausprobieren, kündigt er an. Vorher besuche er zum 30. Mal das Bike-Festival in Riva am Gardasee. Da fällt ihm wieder eine Geschichte ein: «97 oder 98 muss es gewesen sein. Ich schiebe mein Bike über die Messe, am Stand von Specialized vorbei. Da spricht mich einer auf Englisch an, ob ich den neuen Groundcontrol Reifen kenne und dass der doch top für mein Bike sei. Er würde ihn mir auch gleich montieren, was ich gerne in Anspruch nahm. Später fragte mich einer vom deutschen Specialized-Vertrieb, ob ich wüsste, dass mir vorhin Mike Sinyard himself den Reifen aufgezogen hatte. Oder vor zehn Jahren auf dem Monte Baldo über dem Gardasee, allein, mit meiner Leica hantierend. Da sagt ein älterer Herr zu mir: ‚Gib mir mal die Kamera und setz dich aufs Bike!‘ Dreimal musste ich die Szene fahren, dann erhielt ich meine Kamera von Uli Stanciu [Gründer und Herausgeber des Magazins bike] zurück. Das Bild hängt seither im Format A1 in meinem Wohnzimmer.»
«50 Jahre Mountainbiken, das sind für mich 50 Jahre Geschichten.»
Dann wechselt er wieder das Thema: «Ich muss raus – strahlender Sonnenschein, ich bin ja Biker. Und Rentner. Ist das Leben nicht schön?» Klar ist, das zeigen nicht nur diese gesammelten Erinnerungen, sondern auch die Fotos von Bike-Pionier Christian: Ihn hat Thomas Giger in seinem Text nicht gemeint. Verletzt hat der Text über die verlorene Seele des Bikesports den lebenslustigen Rentner trotzdem. «Aber jetzt ist meine Welt wieder ins Lot gekommen.»