Markenschwindel: Nutzen Mountainbike-Marken unser Vertrauen aus?
Seit 1970 zierte das Matterhorn jede Toblerone-Packung. 2023 musste der Kult-Berg verschwinden: Toblerone verlegte einen Teil der Produktion nach Bratislava, und das Schweizer Swissness-Gesetz verbietet das Matterhorn auf der Verpackung, sobald die Schokolade nicht mehr in der Schweiz hergestellt wird. Aus dem Matterhorn wurde ein anonymer, stilisierter Berg, aus «of Switzerland» wurde «Established in Switzerland 1908». Für Fahrradmarken gibt es kein solches Gesetz.
Der Tresorbauer, der fast zehn Mountainbike-Marken kaufte
Am 8. Juli 2026 gab das deutsche Bundeskartellamt grünes Licht für die Übernahme: Die niederländische Accell-Gruppe sollte an Dutech aus Singapur verkauft werden, zehn Fahrradmarken hätten den Besitzer gewechselt, darunter Haibike, Ghost und Winora. Vollzogen wurde der Deal nie. Am 5. August 2026 erhielten die niederländischen Accell-Gesellschaften stattdessen einen vorläufigen Zahlungsaufschub, den ersten Schritt in ein Insolvenzverfahren. Was die designierte Käuferin eigentlich herstellt, hat mit Fahrrädern erst mal nichts zu tun: Dutech baut bis heute Tresore, Geldautomatentresore, Banktresore, zertifiziert nach strengen internationalen Normen. Der Ingenieur Johnny Liu gründete die Firma im Jahr 2000 in Nantong, China. Wieso hat ein Tresorbauer plötzlich Interesse an Fahrradmarken?
Dutech kauft, was pleite ist, aber noch einen guten Namen hat. Bei Accell blieben den Marken die Kunden treu, aber der Konzern hatte kein Geld mehr. Das sucht Dutech: einen Namen, dessen Ruf andere über lange Zeit aufgebaut haben, mit jahrelanger Zuverlässigkeit, mit Garantien, mit Bikes, die hielten, was sie versprachen. Diesen Ruf hätte der neue Besitzer mitgekauft, ohne ihn selbst verdient zu haben.
Diese Strategie ist weder neu noch auf Dutech beschränkt. Der US-Konzern Authentic Brands Group macht dasselbe mit insolventen Modemarken wie Forever 21 oder Brooks Brothers: aus der Konkursmasse gekauft, allein für den Namen weitergeführt. Konzernchef Jamie Salter hat das einmal so zusammengefasst: Man kaufe keine notleidenden Marken, sondern notleidende Firmen, die Marken selbst seien nicht kaputt, kaputt sei nur das Geschäftsmodell dahinter. Für den Käufer im Laden ändert sich am Namen nichts, er vertraut weiter demselben Schriftzug, derselben Marke, nur steht niemand mehr dahinter, der sich dieses Vertrauen tatsächlich erarbeitet hat.
Die Natur kennt dieses Prinzip schon länger. Im Spätsommer sitzt eine Schwebfliege auf einer Blüte, gelb-schwarz gestreift wie eine Wespe. Stechen kann sie nicht. Das muss sie auch nicht: Vögel, die sie fressen könnten, lassen sie in Ruhe, die Streifen genügen als Warnung. Bei einer Fahrradmarke ist der Name dieses täuschende Muster: Käufer prüfen selten, wem die Firma dahinter tatsächlich gehört, sie vertrauen dem Namen auf dem Rahmen, meist zu Recht, aber eben nicht immer. Marktforscher weisen das seit den 1960er-Jahren immer wieder nach: Herkunft und Name eines Produkts prägen das Vertrauen oft stärker als die tatsächliche Qualität dahinter.
Gleicher Motor, anderer Name
Das gilt nicht nur für den Namen einer Marke, auch für die Technik dahinter, aber genau umgekehrt: Hier bleibt der Hersteller oft derselbe, nur der Name wechselt. Bis 2025 baute die fränkische Firma Brose in Berlin Antriebe für E-Mountainbikes, unter anderem den Motor im Specialized Turbo Levo. Im Mai 2025 benannte Brose diese Antriebe selbst in Qore um, noch als eigenständige Firma und offen als «Qore by Brose» an der Eurobike. Erst danach, am 1. August 2025, übernahm der japanische Konzern Yamaha die Sparte. Den Namen Qore behielt Yamaha bewusst bei, damit erkennbar bleibt, dass der Antrieb nicht von Yamaha stammt. Aus Brose Drive³ wurde so Qore Drive³, dieselbe Technik aus demselben Berliner Werk, nur ein neuer Name.
Aus dem Haus Brose stammt aber noch ein zweiter, älterer Motor, die Drive S Mag: Diesen baut Sram seit 2023 in sein eigenes System namens Eagle Powertrain ein, mit eigener Schalt-Software, und verkauft sie an Hersteller wie Propain und Transition, die daraus ihre E-Mountainbikes bauen. Sram selbst baut weder Motoren noch Bikes, sondern kauft die Hardware bei Brose zu. Wer ein Eagle-Powertrain-Bike wählt, vertraut vor allem dem Namen Sram, einer der bekanntesten Marken im Mountainbike-Sport. Das ist nicht unberechtigt: Sram hat die Software selbst entwickelt und steht mit Garantie und Support hinter dem ganzen System. Dass die Hardware von Brose kommt, ist kein Geheimnis, es steht sogar auf dem Motor, «Powered by Brose». Das Vertrauen der Käufer gilt trotzdem der bekannteren Marke, nicht dem Unternehmen dahinter. Ob der Name bleibt und der Hersteller wechselt oder der Hersteller bleibt und der Name wechselt: Entscheidend ist am Ende nur, ob der Motor hält, was er verspricht, und das zeigt sich erst auf dem Trail.
Eine Übernahme kann eine Mountainbike-Marke retten oder zerstören
Nicht jeder Wechsel bedeutet automatisch schlechtere Qualität. Santa Cruz wurde 2015 vom niederländischen Pon-Konzern übernommen, die Marke blieb, was sie war, eine der angesehensten Enduro- und Downhill-Marken der Szene, kein Qualitätsverlust, den irgendjemand dokumentiert hätte. Bei Schwinn, einst Amerikas grösster und angesehenster Fahrradmarke, lief es anders: Nach der Insolvenz 1992 verlagerte sich die Produktion fast vollständig nach Asien, aus dem Prestige-Hersteller wurde eine Massenmarke. Heute steht der Name vor allem noch in Grossmärkten, nicht mehr in Fachgeschäften. Zwei Wege, ein Muster: In beiden Fällen war am Anfang von aussen nicht zu erkennen, welcher Weg es wird.
Bei Toblerone zwang ein Gesetz zur Offenlegung. Mountainbiker müssen selbst herausfinden, wer heute hinter der Marke steckt. Der Name auf dem Rahmen war nie eine Garantie, sondern immer nur ein Versprechen, dass irgendjemand für die Qualität geradesteht. Wer dieses Jemand heute ist, wechselt leiser und öfter, als der Käufer merkt. Ein guter Name bleibt ein Hinweis, ein Beweis ist er nicht. Wer es wirklich wissen will, fährt das Bike, bevor er der Marke vertraut.