«Sehr einfach» bis «sehr schwierig»: Schweizer Trails kriegen neue Skala
Blau – Rot – Schwarz. Diese Einteilung kennen alle, die sich auf Skipisten bewegen. Auch im Schnee ist diese Klassifikation grober als die Realität. In die Klassifizierung von Trails hat sie dennoch Eingang gefunden. Da wäre die deutsche Singletrail-Skala mit der Abstufung S0 (keine Schwierigkeiten) bis S5 (Terrain für Trial-Experten) präziser. Diese bezieht sich aber nicht auf gebaute Strecken.
Schweizmobil und die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU haben die Blau-Rot-Schwarz-Skala ausgebaut und diese mit der «Vollzugshilfe Mountainbike-Wegnetz-Planung» veröffentlicht. Aus einfach – mittel – schwierig wurde sehr einfach (grün) – einfach – mittel – schwierig – sehr schwierig (violett). Das wirkt auf den ersten Blick simpel; als ob man einfach unten und oben etwas angesetzt hätte, was davor durch Blau oder Schwarz abgedeckt war.
Doch so einfach ist es natürlich nicht. An beiden Enden der Skala kommen neue Kriterien dazu und auch dazwischen verschieben sich die Grenzen. Benedikt Heer zieht ebenfalls den Vergleich zum Skisport: «Grün entspricht dem Kinderland oder dem Übungshang. Es ist der Ort, an dem Kleinkinder mit dem 12-Zoll-Laufvelo Hindernisse überrollen können und auch Erwachsene, die beispielsweise mit dem neu gekauften E-MTB in sicherer Umgebung üben wollen, dies in einer fehlerverzeihenden und selbsterklärenden Umgebung tun können.» Die Kriterien von Grün seien so eng, dass es kaum bestehende blaue MTB-Trails gebe, die darunterfielen. «Diese Infrastruktur entsteht erst jetzt», beschreibt der Experte.
Schwarz war als bisheriges oberes Ende der Skala ein riesiges Sammelbecken von anspruchsvoll bis extrem. Der neue Ansatz ist laut Heer, dass Schwarz zwar anspruchsvoll, aber doch noch von einem beträchtlichen Teil der Mountainbiker gefahren werden kann. «Der Schwierigkeitsgrad Schwarz markiert die obere Grenze für den Mountainbike-Breitensport. Violette Trails richten sich an sehr erfahrene Mountainbikerinnen und Mountainbiker, die sich der erhöhten technischen Anforderungen sowie des damit verbundenen Unfall- und Verletzungsrisikos bewusst sind».
Schwierigkeit in Zahlen gegossen
Wo die Grenze liegt, lässt sich aus der Vollzugshilfe herauslesen. Ein schwarzer Trail darf durchschnittlich maximal 30 Prozent Gefälle haben, das maximale Gefälle von Rampen (Stufen) darf 90 Prozent betragen, also 42 Grad. Aufwärts sind durchschnittlich höchstens 16 Prozent Steilheit erlaubt, das Maximum für Rampen liegt bei 20 Prozent. Violett ist alles, was über diesen Werten liegt. Eine Grenze nach oben gibt es nicht.
Auf dem Trail oder bei der Tourenplanung nützen diese Zahlen nicht ganz so viel – wer kann schon abschätzen oder sich vorstellen, ob ein Trail durchschnittlich 30 oder 35 Prozent Gefälle hat oder ob eine Steilstufe nun steiler als 42 Grad ist oder nicht?
Wie bei allen bestehenden Skalen hilft die Erfahrung. Die roten oder schwarzen Strecken, die jemand gefahren sind, sind der Vergleichswert. Daraus lässt sich ableiten, welche technische Herausforderungen einen auf dem unbekannten Weg erwarten. Benedikt Heer fügt an: «Wir arbeiten an einer Kommunikation für die Mountainbikerinnen und Mountainbiker. Damit Sie schon vorher wissen, was sie auf den MTB-Trails erwartet.»
Den Fahrertyp Violett beschreibt das Dokument so: «Du besitzt ausserordentliche technische Fertigkeiten: Du kannst enorm anspruchsvolle Wege oder Anlagen befahren. Bei sehr schwierigen Manövern am Boden oder in der Luft behältst du die Kontrolle.» Auch die Anforderungen für schwarze Strecken sind hoch: «Du besitzt sehr gute technische Fertigkeiten: Du kannst extrem steile Abschnitte ab- oder aufwärtsfahren und falls nötig das Vorder- oder Hinterrad versetzen. Du kannst Hindernisse souverän droppen oder springen und deine Köperposition in der Luft kontrollieren.» Weitere Details zu den Merkmalen der verschiedenen Schwierigkeitsstufen finden sich im Anhang der Vollzugshilfe Mountainbike-Wegnetzplanung.
Bestehendes wird als schwieriger eingestuft
Auch die Grenzen zwischen Blau und Rot sowie zwischen Rot und Schwarz sind nicht mehr da, wo sie waren. Laut Benedikt Heer seien diese leicht nach unten verschoben worden. Anders gesagt, der eine oder andere blaue Trail ist jetzt rot, einige rote werden nach den neuen Kriterien als schwarz eingestuft. Ziel sei, dass besonders die Leute, die grüne oder blaue Strecken fahren wollen, keine bösen Überraschungen erleben, sondern sichere und fehlerverzeihende MTB-Trails vorfinden.
Die neuen Schwierigkeitsgrade und deren Signalisierung sind für gebaute Strecken in Bikeparks Pflicht – nicht sofort, aber im Lauf des Unterhalts in den nächsten Jahren, erklärt Dominik Hug, Projektleiter bei Schweizmobil. Diese hätten auch ein kommerzielles Interesse daran, ihre Gäste präzise zu informieren, was sie auf den Strecken erwartet. Das Gleiche gilt für Community Trails im Naherholungsgebieten. Bei allen «Bike only» Trails sei die korrekte Angabe der Schwierigkeit Pflicht, führt Heer aus.
Freiwillig bleibt die Angabe eines Schwierigkeitsgrad auch für von Wanderern und Bikerinnen gemeinsam genutzte Singletrails. «An gewissen Orten würde eine Tafel mit der Schwierigkeitsangabe das falsche Signal aussenden», sagt Hug und meint damit beliebte Wanderwege, die dadurch als reine Biketrails wahrgenommen werden könnten. Heer geht aber davon aus, dass Bike-Destinationen auch ihre Koexistenz-Trails mittelfristig signalisieren, weil die Angabe von Schwierigkeitsgraden auch eine lenkende Wirkung habe.
Schwierigkeitsangabe auf reinen MTB-Strecken obligatorisch
Die interessante Frage ist, wer die Einteilung in die Schwierigkeitsgrade vornimmt. In der Gesamtheit wären wohl mehrere Zehntausend Kilometer Trail zu beurteilen. Hug sagt dazu: «Das sollen Fachleute tun, die das nötige Know-how haben, etwa Trailbauer, Shaper oder Projektmanager. Die Destinationen haben die Leute, die das können.» Nicht geklärt ist, wer die Tausenden Kilometer Singletrails klassifiziert, für die keine touristische Destination zuständig ist. Viele Gemeinden besitzen das nötige Wissen dafür nicht. Vorgesehen ist laut Benedikt Heer, dass auf Online-Karten mittelfristig alle Singletrails, die von Schweizmobil erfasst worden sind, einen Schwierigkeitsgrad tragen.
Zusammengefasst: Gebaute Bikestrecken in Bikeparks und im Naherholungsraum müssen in nächster Zeit nach der neuen Skala angeschrieben werden. Schweizmobil setzt bewusst keine Frist dafür. Singletrails im freien Gelände erhalten über kurz oder lang online ihre Schwierigkeits-Zuordnung. Lauter neue Tafeln sind dort aber nicht zu erwarten. Klar ist auch, dass mit der Übergangsfrist gewisse Strecken noch nach altem System, andere aber bereits nach dem neuen angeschrieben sind. Letztlich bleibt das Abschätzen, ob ein Trail oder eine Tour dem eigenen Fahniveau entspricht eine Erfahrungssache. Das ist mit den Schwierigkeitsgraden in der Ride Tourendatenbank nicht anders.