Neue Wattgrenzen: Schaffen wir gerade die nächste Tuning-Falle?
Die Entwicklung bei den E-Mountainbikes treibt in eine Richtung: mehr Kraft. Der chinesische Hersteller DJI liefert mit seinem Avinox-Antrieb die neue Messlatte. Auch Bosch zieht mit dem neuen CX-R-Motor nach. Genau diese Leistungsschau weckt intern grosse Sorgen. Bosch warnt vor drastischen Konsequenzen: Registrierungspflicht oder gar Trail-Verbote drohen, wenn die Branche tatenlos zuschaut. Der Marktführer fordert daher ein freiwilliges Limit von 750 Watt. Doch greift eine reine Wattgrenze wirklich weit genug?
Die alte Schwachstelle bleibt bestehen
Lutz Scheffer misstraut neuen Leistungsgrenzen. Er stellt eine simple Frage: Warum sollen digitale Wattgrenzen halten, wenn Bastler die 25-km/h-Abregelung seit Jahren knacken? Fachmedien und Onlineshops dokumentieren das Tuning von Pedelecs völlig offen. Scheffer schätzt: Fünf bis zehn Prozent aller Pedelecs fahren heute manipuliert herum. Unabhängige Belege fehlen für diese konkrete Zahl, doch das Problem existiert offensichtlich.
Daraus leitet er seine eigentliche Warnung ab: Wenn künftig nicht nur die 25-km/h-Abregelung, sondern auch Peak-Power, Unterstützungsfaktoren oder ähnliche Werte strenger geregelt werden, könnten neue Manipulationsfelder entstehen. Dann ginge es nicht mehr nur um getunte Geschwindigkeit. Dann könnten auch Eingriffe in Leistung oder Motorunterstützung rechtlich relevant werden, selbst wenn ein E-Bike weiter bei 25 km/h abregelt. Hinzu kommt: In der Debatte werden kurze Peak-Leistung und Überlastleistung oft vermischt, obwohl beides technisch nicht dasselbe ist.
Neue Regeln, neues Manipulationsfeld?
Damit verschiebt sich die Debatte. Es geht nicht mehr nur um legale Leistung. Es geht um die Frage, welche Regeln sich technisch absichern, praktisch kontrollieren und im Alltag durchsetzen lassen. Wenn neue Leistungsgrenzen ähnlich angreifbar sind wie die heutige Geschwindigkeitsbegrenzung, sehen sie strenger aus, schaffen aber womöglich nur das nächste Feld für Manipulationen.
Für die Mountainbike-Community ist das mehr als ein Technikstreit. Es geht nicht nur darum, wie viel Leistung ein legales E-Mountainbike haben darf. Es geht auch darum, ob das E-MTB glaubwürdig als Fahrrad gelten kann. Genau deshalb taugt Avinox als Aufhänger. Nicht weil der neue Antrieb für sich schon das Problem wäre, sondern weil er eine unangenehme Frage freilegt: Baut die Branche gerade an präziseren Regeln oder an der nächsten Schwachstelle? Gleichzeitig dürfte auch der Druck auf Hersteller steigen. Wer bekannte und schliessbare Sicherheitslücken offen lässt, könnte regulatorisch stärker in die Pflicht geraten.
Wer heute neue Wattgrenzen fordert, muss deshalb mehr liefern als eine Zahl. Er muss zeigen, wie diese Grenzen technisch geschützt, praktisch kontrolliert und gegen Manipulation abgesichert werden sollen. Scheffers Gegenentwurf ist deshalb kein Entweder-oder. Er zielt auf beides: saubere Software-Regeln und physikalische Leitplanken wie das Motorgewicht. Sonst verlagert sich das Tuning-Problem nur – von der Geschwindigkeit zur Leistung.
Lutz Scheffer ist Designer und Konstrukteur mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Mountainbike-Branche. Er arbeitete unter anderem für Votec, Bergwerk, Canyon und Rotwild und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Entwicklung von E-Mountainbikes.