Stehen Haibike, Ghost und Lapierre vor dem Konkurs?
Noch vor wenigen Wochen schien die Zukunft der Accell Group gesichert. Dutech Holdings und die dahinterstehende Tri Star Group wollten den niederländischen Fahrradkonzern übernehmen. Die zuständigen Wettbewerbsbehörden in mehreren europäischen Ländern hatten dem Vorhaben bereits zugestimmt. Am 5. August kam jedoch überraschend das Aus: Die Übernahme wurde nicht vollzogen. Zu den Gründen haben sich die beteiligten Unternehmen bislang nicht detailliert geäussert.
Nach dem Corona-Hoch jetzt der Absturz
Für Accell ist der geplatzte Deal ein weiterer Rückschlag nach Jahren wirtschaftlicher Schwierigkeiten. Der Konzern, zu dem unter anderem Haibike, Ghost, Winora, Lapierre, Raleigh und Koga gehören, hatte nach dem Ende des Fahrradbooms mit hohen Lagerbeständen, sinkenden Verkaufszahlen und massivem Preisdruck zu kämpfen. Mehrere Restrukturierungen und Finanzierungen konnten die Situation offenbar nicht nachhaltig stabilisieren.
Nach dem Scheitern der Übernahme beantragte Accell in den Niederlanden eine Aussetzung von Zahlungen. Das Verfahren soll zunächst Zeit für eine Neuordnung schaffen. Gleichzeitig bleibt die Suche nach einem Investor eine zentrale Aufgabe.
Auch in Deutschland läuft ein separates Sanierungsverfahren. Accell Germany sowie die Gesellschaften hinter Winora, Ghost und E. Wiener Bike Parts haben Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt. Der Geschäftsbetrieb soll fortgeführt werden, während nach einem Käufer für das deutsche Geschäft gesucht wird. Rund 370 Beschäftigte sind davon betroffen.
Jonas Nilsson, CEO der Accell Group sagt:„Angesichts all der harten Arbeit und dessen, was wir mit der Unterstützung unserer Aktionäre und Kreditgeber erreicht haben, um die operative und finanzielle Situation von Accell neu zu strukturieren, ist dies eine zutiefst traurige und frustrierende Situation. Besonders schwierig ist dieser Moment für unsere Mitarbeitenden, Gläubiger, Kunden, Lieferanten und Partner. Wir haben unermüdlich jede realistische Möglichkeit für die Zukunft des Unternehmens geprüft. Keine davon hat jedoch eine Lösung hervorgebracht, mit der die Accell Group in ihrer bisherigen Form fortgeführt werden kann.“
Weiterer Preisdruck im ohnehin schwierigem Umfeld?
Warum Dutech letztlich von der Übernahme Abstand nahm, bleibt offen. In der Branche wird über verschiedene mögliche Gründe spekuliert – von der schwierigen finanziellen Situation des Konzerns bis zu möglichen Risiken aus dem Cargovelo-Babboe-Komplex. Verlässliche Angaben dazu liegen nicht vor.
Für Fahrradhandel und Zulieferer ist die Entwicklung relevant. Unklar ist, wie sich die Verfahren auf Bestellungen, Lieferungen und offene Forderungen auswirken. Gleichzeitig könnte ein Abverkauf vorhandener Accell-Bestände zusätzlichen Preisdruck in einen ohnehin schwierigen Fahrradmarkt bringen.
Das muss nicht das Ende sein
Für die bekannten Marken muss die Insolvenz allerdings nicht zwangsläufig das Ende bedeuten. Ein Investor könnte einzelne Geschäftsbereiche oder Marken übernehmen und aus dem Accell-Verbund herauslösen. Ob sich ein solcher Käufer findet, dürfte nun zu einer der entscheidenden Fragen für die Zukunft von Haibike, Ghost, Winora und Co. werden.