32 Zoll: Das Desaster wäre der Stillstand
Thomas Giger diagnostiziert in seinem Blog «Der MTB-Sport rennt mit 32 Zoll ins nächste Desaster» eine gefährliche Krankheit der Fahrradindustrie: «Fear of missing out», kurz Fomo. Aus Angst, den nächsten Trend zu verpassen, würden die Hersteller blindlings in neue Produkte investieren. Genau diese Angst habe schon während der Corona-Pandemie zu massiver Überproduktion und anschliessend zum grossen Katzenjammer geführt. Seine Befürchtung: Mit 32 Zoll wiederholt sich die Geschichte.
Tatsächlich bedeutet eine weitere Laufradgrösse zusätzliche Komplexität, neue Produktionswerkzeuge, höhere Entwicklungskosten und noch mehr Ersatzteile. Und das auf sämtlichen Handelsstufen. Als Bikeshop-Inhaber kann ich Thomis Bedenken bestens nachvollziehen. Noch mehr Reifen, Felgen und Speichen im Lager? Darauf habe ich wirklich nicht gewartet.
Aber was wollen eigentlich die Kunden?
Thomi zählt auch die Nachteile für Mountainbiker auf: Fahrradträger, Transporttaschen, Shuttle-Anhänger und Aufhängungen, die nicht mehr passen. Alles richtig. Aber bei seiner Aufzählung gerät für mich die wichtigste Frage in den Hintergrund: Was bringt die neue Laufradgrösse den Menschen, die damit fahren?
Produkte und Dienstleistungen sollten sich in erster Linie an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Nicht daran, was für Hersteller und Händler am bequemsten ist.
Und aus Kundensicht kann 32 Zoll verdammt viel Sinn machen. Besseres Überrollverhalten, mehr Laufruhe und möglicherweise mehr Traktion. Nicht für jeden, nicht auf jedem Trail. Aber für viele Fahrer könnte das einen echten Gewinn bedeuten. Und mehr Fahrspass ist im Mountainbikesport ein ziemlich überzeugendes Argument.
Wo bleiben die Lemminge?
Thomi zeichnet das Bild einer Industrie, in der alle aus Angst vor verpassten Marktanteilen wie Lemminge hinterherrennen. Mich erstaunt allerdings das Gegenteil: Warum stehen die Bikeshops nicht längst voller 32-Zoll-Räder?
Natürlich braucht die Entwicklung neuer Produkte Zeit. Aber gemessen an der Aufmerksamkeit, die 32 Zoll bereits bekommt, geht es erstaunlich gemächlich vorwärts.
Ich vermute, dass nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre an einigen entscheidenden Stellen die Warnlampen aufgeleuchtet haben. Dass diesmal genauer gerechnet, vorsichtiger investiert und nicht einfach blindlings produziert wird.
Vielleicht hat die Branche tatsächlich etwas gelernt. Denn die Corona-Krise war nicht das Resultat technischer Innovation, sondern vor allem von massiven Fehleinschätzungen der Nachfrage und einer aus dem Ruder gelaufenen Produktion. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Vielleicht steigt die Party beim Gravelbike
Und noch etwas: Wir diskutieren 32 Zoll fast ausschliesslich aus der Perspektive des Mountainbikesports. Dabei könnte der grosse Durchbruch ganz woanders stattfinden. Ich habe die Vermutung, dass die eigentliche 32-Zoll-Party beim Gravelbike steigen könnte. Dort könnten das bessere Überrollverhalten, die Laufruhe und die Geschwindigkeit auf wechselndem Untergrund besonders interessant sein. Und die geringere Wendigkeit dürfte auf vielen Gravelstrecken weniger stören als auf engen Singletrails.
Vielleicht wird 32 Zoll also gar nicht die grosse MTB-Revolution, sondern die nächste Evolutionsstufe des Gravelbikes.
Innovation ist nicht das Problem
Thomi vergleicht die angeschlagene Fahrradindustrie mit einem Patienten, der trotz schwerer Lungenentzündung ein hartes Intervalltraining absolviert. Ein schönes Bild. Aber vielleicht ist 32 Zoll gar kein lebensgefährliches Intervalltraining, sondern genau die Bewegung, die den Patienten wieder auf die Beine bringt.
Selbstverständlich wäre es fatal, wenn die Hersteller erneut auf Verdacht riesige Stückzahlen produzieren würden. Aber genauso falsch wäre es, aus Angst vor zusätzlichen Standards auf vielversprechende Entwicklungen zu verzichten.
Ob 32 Zoll zum Erfolg wird, oder zum Desaster, entscheiden letztlich die Kunden. Vielleicht setzt es sich breit durch, vielleicht nur in bestimmten Disziplinen. Vielleicht bleibt es eine Nische. Das wäre alles kein Desaster. Ein Desaster wäre eine Fahrradindustrie, die aus Angst vor dem nächsten Fehler aufhört, Neues zu wagen. Denn Fahrräder bauen wir für die Menschen, die damit fahren. Nicht für diejenigen, die sie produzieren oder verkaufen.