32-Zoll und Aero: Canyon will das Cross-Country-Bike der Zukunft bauen!
Rennen im Cross Country sind per Definition schnell, heute mehr als je zuvor. Im Jahr 2016 lag die Durchschnittsgeschwindigkeit von Mountainbike-Weltcup-Rennen im Cross Country bei 18 km/h. Heute sind es bereits 24 km/h. Auch längere Rennen werden immer schneller. Die Sieger des Leadville 100 Mountainbike-Rennens erreichen inzwischen Durchschnittsgeschwindigkeiten von 28 km/h.
Wer schnell fährt, gewinnt Rennen. Doch Cross-Country-Bikes haben in gewissen Bereichen Aufholbedarf. Um als Erster die Ziellinie zu erreichen, müssen alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Die über Jahrzehnte geltende Devise, ein Bike so leicht und effizient wie möglich zu bauen, reicht heute nicht mehr aus. Mit zunehmender Geschwindigkeit gewinnt die Aerodynamik an Bedeutung. Gleichzeitig erlauben klassische Mountainbike-Rahmen und -Komponenten keine wirklich aerodynamischen Positionen, ohne dabei erhebliche Sicherheitsrisiken in Kauf zu nehmen.
Canyon präsentiert mit dem vollgefederten Cross-Country-Prototyp Lux Era eine mögliche Lösung für diese Entwicklung. Die auffällige Frontpartie des Bikes ist geprägt von einem Cockpit, das an den radikalen Doppeldecker-Lenker früherer Generationen des Canyon Grail Gravelbikes erinnert. Der Vorteil für den Fahrer liegt in der zusätzlichen unteren Griffposition, die eine besonders aerodynamische Haltung ermöglichen soll.
Das aerodynamische Konzept umfasst zudem ein spitz zulaufendes Steuerrohrprofil, eine Upside-Down-Gabelkonstruktion, 32-Zoll-Laufräder und einen in die Top Cap integrierten Computer. Dadurch soll das Bike moderne Aerodynamik mit dem Handling verbinden, das für hohe Geschwindigkeiten im Renneinsatz erforderlich ist.
«In der Welt der Cross-Country-Rennen gibt es aktuell drei Probleme. Die Rennen werden schneller, also müssen die Athleten schneller fahren. Dabei greifen sie zu Lösungen, die gefährlich sein können. Und es stehen ihnen nicht genügend Handpositionen zur Verfügung, um lange aerodynamische Positionen zu halten», erklärt Fedja Delic, Chefdesigner bei Canyon.
Mit dem Lux Era verfolgt Canyon das Ziel, Fahrern eine niedrige und aerodynamische Position zu ermöglichen, ohne das Sturzrisiko zusätzlich zu erhöhen. Anstatt lediglich die Rohrprofile des Rahmens windschnittiger zu gestalten, stellt Canyon mit diesem Konzept grundsätzlich infrage, weshalb heutige Cross-Country-Mountainbikes so aussehen, wie sie aussehen.
Ein zentrales Merkmal des Lux Era ist das Doppeldecker-Cockpit. Es bietet zusätzliche Griffpositionen und soll damit mehr Sicherheit in tiefen, aerodynamischen Positionen schaffen. Dies ist besonders relevant, weil der Fahrer für rund 70 Prozent des Luftwiderstands verantwortlich ist. Die umgekehrte Gabelkonstruktion soll mehrere Vorteile bringen, darunter höhere Steifigkeit, stabileres Bremsverhalten, weniger ungefederte Masse, bessere Schmierung und präziseres Handling. Gleichzeitig trägt die integrierte und schmalere Gabelkrone zur verbesserten Aerodynamik bei.
Ein minimalistisches Computerdisplay reduziert den Luftwiderstand im Cockpitbereich und liefert dem Fahrer wichtige Informationen wie Geschwindigkeit, Distanz, Zeit, Leistung oder Herzfrequenz. Die grösseren 32-Zoll-Laufräder sollen leichter über Hindernisse rollen, weniger Geschwindigkeit verlieren, mehr Traktion bieten und den Komfort erhöhen. Eine Aussparung im Rahmen erlaubt zudem den direkten Blick auf den Dämpfer, um die Einstellung des Negativfederwegs zu erleichtern.
«Bei Weltcup- oder Marathon-Rennen versuchen die Athleten ständig, noch schneller zu werden. Jede Sekunde zählt umso mehr. Mit einem herkömmlichen Cockpit stösst man irgendwann an eine Grenze. Wir brauchen eine Lösung, mit der wir aerodynamischer fahren und diese Position länger halten können», sagt Luca Schwarzbauer von «Canyon XC Racing».
Neben Laufrädern, die weniger Energie verlieren, und dem reduzierten Luftwiderstand von Cockpit, Rahmen und Gabel sind mehr Komfort und Sicherheit in aerodynamischen Positionen entscheidende Faktoren für ein schnelleres Cross-Country-Mountainbike.
Beim Lux Era handelt es sich um einen reinen Prototyp. Das Bike wurde bisher noch nicht zur Zulassung bei der Union Cycliste Internationale eingereicht. Profis wie Luca Schwarzbauer und Jenny Rissveds werden damit vorerst nicht bei Weltcuprennen antreten. Aktuell wird das Bike von Athleten sowie im Windkanal getestet, um die möglichen Leistungsvorteile zu überprüfen.