Aussortiert am Berg: Das stille Ende eines Sports für alle
Der Berg selbst hält niemanden auf. Man kann nach wie vor mit einem alten Mountainbike hinauf und hinunter fahren, kostenlos, wie eh und je. Es gibt keine Tore, keine Schranken, keine Verbote. Dennoch fahren mit der Zeit immer weniger mit. Das liegt am Mountainbike, das man fährt, am Lift, den man nimmt, und an den kleinen Selbstverständlichkeiten, die kaum jemandem auffallen, der sie sich leisten kann. Niemand will jemanden ausschliessen. Und trotzdem passiert es.
Das Geld hat dem Sport genützt
Das Geld hat dem Sport gutgetan: Viele Trails sind heute legal, wo sich früher Förster und Mountainbiker bekriegten. Es werden immer mehr Bikeparks gebaut, Seilbahnen öffnen auch im Sommer und bringen die Mountainbiker bequem auf den Berg. Das meiste davon finanziert der Fahrer mit dem dicken Budget. Er trägt die Kosten für die Seilbahn mit, die im Bau Millionen kostet, und unterstützt das Netz, von dem am Ende auch der profitiert, der wenig hat. Wer hohe Preise einfach nur verflucht, vergisst, wohin das Geld unter anderem hinfliesst. Ohne die Fahrer, die bereit sind, viel zu zahlen, gäbe es viele legale Trails und gepflegte Bikeparks gar nicht.
Der zahlungskräftige Mountainbiker ist also nicht das Problem. Das Problem ist, wer dabei aus dem Blick gerät. Wenn ein Sport selbstverständlich annimmt, dass sich alle das neuste Material leisten können und den Liftpass lösen, dann verschwinden die anderen nicht mit einem Knall. Sie kommen einfach seltener, bis sie irgendwann gar nicht mehr auftauchen. Und von unten rückt kaum jemand nach, denn ein günstiger Einstieg in den Sport ist fast nicht mehr zu finden.
Wenn der Einstieg so viel kostet wie ein Gebrauchtwagen
Das beginnt beim Mountainbike. Ein Mountainbike war nie billig, aber man konnte es sich leisten. Ein solides Einsteigerrad gab es für ein paar Hundert Franken, das gebrauchte vom Nachbarn für noch weniger. Heute kostet ein neues Mountainbike der Mittelklasse fast so viel wie ein gebrauchtes Auto. Top-Modelle überschreiten zehntausend, fünfzehntausend Euro.
Den grössten Schub gab das E-Mountainbike. Es sollte den Berg öffnen, und für viele tut es das: Wer nach einer Verletzung zurückkommt, wer den steilen Anstieg vor der Haustür nie schaffte, wer schlicht weniger Zeit zum Trainieren hat, fährt wieder mit. Das ist ein Gewinn. Nur kostet dieser Gewinn. Ein Mountainbike war schon vorher teuer. Mit Motor ist es noch einmal deutlich teurer geworden.
Das einfache Fahrrad bleibt erlaubt, niemand verbietet die eigene Kraft. Aber wenn Angebot, Werbung und halbe Infrastruktur dem teuren Material folgen, dem High-End-Mountainbike, dem Motor, dem Liftpass, dann wird der zum Aussenseiter, der ohne das fährt. Nicht durch ein Verbot, sondern durch Selbstverständlichkeit.
Der freie Berg und seine vielen Kassen
Und dann ist da der Berg selbst. Der freie. Über ihn legt sich, Stück für Stück, eine Kette von Kassen. Eine Tageskarte am Lift kostet im Sommer 45 bis 66 Franken oder Euro, eine Saisonkarte für die grossen Gebiete schnell über tausend. Dazu der Parkplatz an der Talstation, der Kaffee oben auf der Hütte, der Teller Spaghetti nach der letzten Abfahrt. Einzeln Kleinbeträge, die zusammen schnell über hundert Franken pro Tag kosten, bevor man auch nur einen Trail gefahren ist.
Hier liegt der Kern: Jede einzelne dieser Schranken hat ihren guten Grund, und genau das macht sie so wirksam. Niemand baut sie, um auszuschliessen. Eine Seilbahn, die keiner bezahlt, steht still, ein Trail ohne Pflege verfällt. Erst zusammen ergeben diese «Hürden» eine Rechnung, die nicht jeder bezahlen kann.
Das ist die stille Auslese. Sie braucht kein Gesetz, keinen Türsteher, keine böse Absicht. Sie entsteht aus lauter vernünftigen Einzelentscheidungen, die zusammen einen Berg ergeben, der dem gehört, der ihn sich leisten kann.
Der Berg bleibt, die Leute nicht
Eine Verschwörung wäre jetzt leicht behauptet. Es gibt keine: Die Mountainbike-Preise sind zuletzt sogar gefallen, die Lager voll, die Rabatte gross. Niemand hat beschlossen, die Ärmeren auszusperren.
Den Berg kann dir niemand nehmen: Man darf ihn fahren, mit dem alten Mountainbike, mit eigener Kraft, gratis. Daran ändert kein Preis etwas. Was sich ändert, ist alles ringsum. Wer heute Biken will, muss nicht nur Freude haben und fahren können. Er muss sich auch ein Mountainbike leisten, einen Liftpass vorzeigen und mit der Entwicklung mithalten können. Das Ticket in die Community hat seinen Preis.