Glücksmap statt Heatmap: Der Teufelskreis hinter Strava und Komoot | Ride MTB

Glücksmap statt Heatmap: Wie Mountainbiker einen Teufelskreis fördern

Heatmap

Heatmaps boomen: Wer heute eine Mountainbike-Tour plant, orientiert sich gerne an oft befahrenen Trails. Doch wer blind der Masse folgt, verstärkt damit einen Teufelskreis. Dann wird aus der Heatmap schnell eine Glücksmap.

Eine Heatmap ist eine Karte, auf der stark befahrene Trails hell aufleuchten, zusammengesetzt aus den geteilten GPS-Daten aller Nutzer. Für die Suche nach neuen Trails oder viel befahrenen Regionen ist das eine grosse Hilfe. Der Haken: In der digitalen Welt trifft dabei kaum jemand mehr eine Entscheidung unabhängig von den Urteilen der anderen. Vielmehr folgen wir den Einschätzungen und Meinungen der Masse. Das belegten die Forscher Matthew Salganik, Peter Dodds und Duncan Watts bereits vor 20 Jahren im sogenannten Musiklabor-Experiment: 14'341 Teilnehmer luden unbekannte Songs herunter. Sobald sie die laufenden Downloadzahlen sahen, orientierten sich die meisten an diesen und nicht an der Musik. So zogen wenige Songs den Grossteil aller Downloads auf sich, auch wenn sie nicht zwingend die besten im Feld waren. Auf der Heatmap passiert dasselbe: Jeder Mountainbiker sieht zuerst die Routenwahl der anderen, bevor er selbst urteilt. Und wer mitfährt, verstärkt den Effekt zusätzlich, ganz gleich, ob der Trail wirklich besser ist als die Strecken daneben.

Eine Farbe, zwei Massstäbe

Zwei Trails mit exakt gleich vielen GPS-Fahrten können auf der Heatmap völlig unterschiedlich hell leuchten. Strava misst nicht die absolute Zahl der Fahrten, sondern vergleicht einen Trail nur mit den Trails in seiner näheren Umgebung, nie mit allen aufgezeichneten Routen. Eine weltweit einheitliche Skala würde ländliche Gebiete durchgehend dunkel zeigen, weil nur die meistbefahrenen Orte der Welt überhaupt sichtbar würden. 

Ein Trail in einem abgelegenen Tal kann also auch aufleuchten, wenn ihn bloss eine Handvoll Leute fährt, sofern die Wege ringsherum noch weniger befahren sind. Dieselbe Farbe beziehungsweise Sichtbarkeit im belebten Bikepark braucht ein Vielfaches an Fahrten. Wer zwei Farben auf zwei verschiedenen Karten vergleicht, vergleicht in Wahrheit zwei verschiedene Massstäbe. Die Heatmap zeigt nicht, wie viele Leute einen Trail tatsächlich gefahren sind. Sie zeigt nur, ob hier mehr Leute gefahren sind als auf dem Trail nebenan. 

Wo Qualität endet und der Zufall beginnt

Ganz wertlos ist Helligkeit trotzdem nicht. Dasselbe Musiklabor-Experiment zeigte auch, dass die besten Songs praktisch nie floppten, die schlechtesten wurden praktisch nie zum Hit. Nur im breiten Mittelfeld entschied der Zufall. Naheliegend ist eine ähnliche Verteilung bei Trails: Ein technisch sauber gebauter Trail wird selten dunkel bleiben, ein unfahrbarer Weg voller umgestürzter Bäume fast nie hell. Das Problem beginnt in erster Linie bei den vielen ordentlichen Trails, die irgendwo dazwischen liegen.

Hier setzt der Teufelskreis an: Ein Trail, der zufällig zuerst ein paar GPS-Daten sammelt, leuchtet heller als die Wege nebenan, auch wenn es nur wenige Fahrten sind und der Trail nicht der Beste in der Region ist. Mehr Fahrer sehen die helle Strecke und planen sie ein. Jede zusätzliche Fahrt lässt den Trail auf der Heatmap noch heller leuchten, ein selbstverstärkender Effekt. Diesen Mechanismus konnten Forscher an Onlinekommentaren bestätigen: Ein einziger künstlich gesetzter positiver erster Wert erhöhte die Chance auf weitere positive Bewertungen um 32 Prozent und hob das Endergebnis am Schluss um 25 Prozent. Ein negativer erster Wert dagegen korrigierte sich meist von selbst. Wer zuerst Glück hat, bleibt darum eher oben, als wer zuerst Pech hat, unten hängen bleibt.

Eine helle Linie ist darum kein Qualitätssiegel. Sie kann einen wirklich guten Trail zeigen oder nur einen frühen Vorsprung, der sich seither selbst verstärkt hat. Auf der Heatmap ist der Unterschied nicht zu erkennen. Trailforks gibt an, lokale Verwalter liessen Trails ausblenden, die nicht offiziell genehmigt wurden, und das System dokumentiere intern, wenn ein Weg wieder auftaucht. Auch Strava erklärt, regelmässig Einträge zu entfernen, die durch manipulierte Standortdaten oder falsch zugeordnete Fahrten entstanden sind. Beide Plattformen wissen, dass die Zahlen alleine nicht reichen und in die Irre führen können. Wer also blind der hellsten Route folgt, verstärkt den Effekt, der sie auf der Karte hervorgehoben hat. Wer stattdessen den Zustand eines Trails meldet oder der Einschätzung eines lokalen Verwalters mehr vertraut als der reinen Farbe, bremst den Teufelskreis, statt ihn weiterzudrehen. Doch das ist nur die halbe Geschichte.

Der Fahrer hat trotzdem noch das letzte Wort

Neben Menschen spielen nämlich auch Algorithmen eine entscheidende Rolle, und deren Regeln schreibt die Firma dahinter. Im Februar 2026 lancierte Komoot eine sprachgesteuerte Routenplanung über eine eigene KI-Anwendung, Strava gewichtet laut eigenen Angaben in seinem Routen-Assistenten die in einer Region meistgefahrenen Wege. Schlägt die KI denselben Trail immer wieder vor, dürfte das den Teufelskreis verstärken: mehr Fahrten, mehr Spuren, eine hellere Linie in der Heatmap.

Ganz auf gut Glück muss trotzdem niemand fahren. Eine helle Linie kann einen wirklich guten Trail zeigen. In einzelnen Fällen kann sie aber auch in die Irre führen und einem Mechanismus zum Opfer fallen, der sich selbst verstärkt. Davon profitieren weder die Plattformen noch die Fahrer. Doch wir sind diesem Effekt nicht ausgeliefert: Wer das weiss, schaut vor der Fahrt auf den Zustandsbericht statt nur auf die Farbe, und fragt notfalls jemanden vor Ort. Auch nach der Tour kann jeder seinen eigenen Eindruck vom Trail melden, das hilft dem nächsten Fahrer mehr als ein weiterer GPS-Track. Das kostet ein paar Minuten, aber es verhindert, dass aus der Heatmap eine Glücksmap wird. Sie soll ein Hinweis für gute Trails bleiben, kein blindes Urteil.