Geteilt und gesperrt: Wie Algorithmen die besten MTB-Trails gefährden | Ride MTB

Geteilt und gesperrt: Wie Algorithmen die besten MTB-Trails gefährden

Trail-Sperre

Manche Trails gibt es nur noch, weil sie kaum jemand kennt. Sobald sie auf Komoot, Strava oder Trailforks erscheinen, beginnt der Countdown. Das ist kein Zufall, sondern ein Algorithmus.

Ein Mountainbiker entdeckt einen neuen Trail. Er teilt ihn, gut gemeint: «Toller Flow, coole Sprünge». Die App registriert die Beliebtheit und empfiehlt ihn weiter. Was danach passiert, hat er nicht mehr in der Hand.

Die App, die Trails öffnet — und sperrt

Komoot hat einen wichtigen Beitrag geleistet: Die App erleichterte vielen Menschen den Zugang zu Trails, die vorher schwer erreichbar waren. Ohne Vereinsmitgliedschaft oder lokales Netzwerk konnten sie neue Wege erkunden. Vor der Übernahme durch Bending Spoons arbeitete Komoot eng mit Naturschutzorganisationen zusammen. Lokale Ranger und Verantwortliche aus Nationalparks wurden in digitaler Besucherlenkung geschult, um sensible Gebiete zu schützen. Doch der Algorithmus selbst kennt dieses Bewusstsein nicht. 

So funktioniert der Mechanismus: Ein Biker zeichnet eine Tour auf und die GPS-Spur landet auf den Servern der Plattform. Je mehr Nutzer denselben Weg aufzeichnen, desto höher stuft das System ihn ein und empfiehlt ihn einer wachsenden Zielgruppe. Für den Algorithmus gibt es keinen Unterschied zwischen einem ausgeschilderten Bikepark-Trail und einem Pfad, den drei Locals seit zwanzig Jahren fahren. Beide erscheinen als Linie auf der Karte und werden weiterempfohlen. Dasselbe Prinzip gilt für Strava-Segmente, Trailforks-Highlights und Garmin-Heatmaps. Keine dieser Plattformen unterscheidet von sich aus zwischen rechtlich gesichertem Trail und geduldetem Pfad. 

Haftungsrisiken durch beliebte Trails

Ein Trail, den eine Handvoll Locals jahrelang diskret nutzte, wird innerhalb einer Saison zur meistempfohlenen Route einer Region. Erosionsrinnen entstehen, Baumwurzeln liegen frei, das Wild zieht sich zurück. Der Waldbesitzer, der jahrelang schweigend tolerierte, steht plötzlich vor einem Problem, das er nicht mehr ignorieren kann. Nicht aus Feindschaft gegenüber dem Radsport, sondern weil das Haftungsrecht ihn zwingt zu handeln. In Deutschland haftet ein Waldbesitzer, sobald er Kenntnis von künstlichen Trail-Einbauten, Schanzen, Anliegerkurven, Drops auf seinem Grund hat und diese duldet. Im Schadensfall kann das existenzbedrohend werden. 

Ein Urteil des Oberlandesgerichts Hamm vom Februar 2026 zeigt, wie weit diese Haftung bereits bei legalen Trails reicht: Ein Verein wurde zu 50 Prozent der Schadenskosten verurteilt, weil auf einem offiziell genehmigten, regelmässig kontrollierten Flowtrail die Streckenführung als unzureichend bewertet wurde. Für einen informellen, nie genehmigten Trail, der plötzlich täglich empfohlen wird, ist das Haftungsrisiko schlicht unkalkulierbar. 

In Österreich ist Mountainbiken im Wald ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung generell verboten. In der Schweiz entscheiden die Kantone individuell: Graubünden toleriert breit, andere Kantone kaum. Müsste das nicht in den Apps sichtbar sein? Theoretisch ja. Komoot und andere Plattformen lesen Zugangs-Tags aus OpenStreetMap. Wenn ein Weg dort als gesperrt markiert ist, routet der Algorithmus in der Regel nicht darüber. Das Problem: Komoot behandelt Pfade ohne explizite Zugangsangabe standardmässig als befahrbar. Kein Tag bedeutet: erlaubt. Geduldete Trails haben in OpenStreetMap meist keinen rechtlichen Status, sie erscheinen als physisch vorhandener Weg, ohne Hinweis auf Duldung, Verbot oder Grauzone. Der Algorithmus sieht eine Linie, die viele Mountainbiker befahren haben und empfiehlt sie weiter. Ob das rechtlich zulässig ist, fragt er nicht, weil diese Information in den Daten schlicht nicht vorhanden ist. 

Menschliches Urteil vs. Algorithmus

Im März 2025 kaufte Bending Spoons Komoot für rund 300 Millionen Euro. Innerhalb von zwei Wochen entliess der neue Eigentümer rund 80 bis 85 Prozent der 150 Mitarbeiter, darunter alle, die Kooperationen mit Naturparks pflegten, sensible Regionen manuell moderierten, bei Konflikten ansprechbar waren. Bending Spoons ist für dieses Muster bekannt: kaufen, entlassen, automatisieren. Bei Evernote und WeTransfer lief es identisch ab. Bei Komoot trifft es genau jene Mitarbeiter, die Kooperationen mit Naturschutzorganisationen pflegten, Forstämter kannten und bei Konflikten noch ansprechbar waren. 

Trailforks geht weiter als Komoot. Neue Trails werden vor der Freigabe nach Kriterien geprüft, sie landen nicht automatisch auf der Karte. Inoffiziell markierte Wege werden vom Algorithmus nicht weiterempfohlen. Country Admins überwachen aktiv auch Regionen ohne lokale Administratoren, ein Scanner erkennt Aktivitäten abseits des kartierten Trailnetzes und nimmt sensible Wege proaktiv in die Hidden-Datenbank auf. Wer es trotzdem versucht, sieht eine rote Warnung und landet bei einem Moderator. Aber auch dieses System hat Grenzen. Was auf Komoot oder Instagram bereits viral gegangen ist, kann Trailforks nicht mehr einfangen. Die Plattformen sind voneinander unabhängig.

Jetzt zählt die Community

Stille Duldung funktioniert so lange, wie sie still bleibt. Ein Waldbesitzer sieht die Spuren, er sagt nichts, solange es fünf Mountainbiker sind. Nicht fünfzig. Komoot weiss das nicht. Trailforks auch nicht. Sie sehen einen Trail, der funktioniert und schicken mehr Leute hin. 

Was früher ein Mensch bei Komoot noch abfangen konnte, muss die Community jetzt selbst übernehmen. Wer einen Trail kennt, der auf solchem Vertrauen beruht, lässt ihn offline. Wer in einer Region mit aktiver Trailforks-Community fährt, meldet sensible Wege dem lokalen Admin. Wer in OpenStreetMap kartiert, markiert geduldete Wege als informell, damit Routing-Systeme sie nicht automatisch zur Empfehlung machen. Trails, die niemand offiziell trägt, überleben nur solange, wie sie niemand findet. Was die Community nicht schützt, schützt kein Algorithmus.