Alle reden von Leistung: Am Ende gewinnt, wer stehenbleibt
Tomas Quinones war am sechsten von sieben Tagen einer Bikepacking-Tour durch die Wüste Oregons, als er am Wegrand etwas liegen sah. Er hielt es für eine tote Kuh. Drei hatte er an diesem Tag schon passiert. Dann bewegte es sich. Es war ein Mann, 73 Jahre alt, vier Tage in der Wüste, kaum bei Bewusstsein. Sein Jeep war Tage zuvor in einem Bachbett steckengeblieben, er war zu Fuss losgezogen, dann zusammengebrochen. Quinones spannte sein Zelt über den Fremden, für Schatten. Er gab ihm Wasser. Er drückte den SOS-Knopf seines GPS-Trackers und blieb über eine Stunde, bis der Rettungswagen kam. Die Rettung kostete ihn Stunden, mitten in der Wüstenhitze, und einen grossen Teil seiner Kräfte für den Tag. Trotzdem stieg er danach wieder aufs Rad und fuhr weiter. Verloren hat er trotzdem nichts. Was einen Menschen dazu bringt, für einen Fremden alles stehenzulassen, hat mehr mit dem eigenen Leiden zu tun, als es aussieht. Wer versteht, warum, versteht auch, warum wir überhaupt zusammen fahren.
Schmerz als Klebstoff
Dass gemeinsames Leiden zusammenschweisst, weiss jeder, der eine harte Tour mit seinen Kollegen durchgestanden hat, den letzten Anstieg im strömenden Regen, alle am Limit. Schmerz lässt sich nicht verstecken. Wer sich den Berg hochquält, keucht, flucht, beisst die Zähne zusammen, zeigt sich, wie er ist, ohne Rolle, ohne Fassade. Und wer einen anderen so sieht, fühlt mit. Genau dieses Mitfühlen schafft die Nähe, nicht die Anstrengung selbst. Darin liegt aber auch seine Grenze: Wer allein leidet, klebt an niemandem. Fährt einer denselben Aufstieg im roten Bereich, aber ohne dass jemand mitleidet, entsteht keine Nähe, nur Erschöpfung. Erst wenn ein anderer die Qual mitbekommt, wird aus zwei Fahrern, die sich quälen, ein Paar, das etwas teilt.
Das rückt ausgerechnet die härteste Runde, die viele heute fahren, in ein neues Licht: die Solo-Session gegen die Uhr. Gegen die eigene Bestzeit, gegen die des Kollegen von letzter Woche, gegen den King of the Mountain in der Strava-App. Volle Anstrengung, keiner dabei. Am Ende steht die Bestzeit. Wer steht daneben?
Warum wir allein leiden wollen
Damit ist die einsame Runde nicht die schlechtere. Wer den Berg allein hochtritt, sucht keinen, der zusieht. Er sucht den Beweis an sich selbst. Anstrengung wirkt dabei wie ein Verstärker: Je mehr ein Ziel gekostet hat, desto mehr zählt es hinterher. Ein Gipfel, den man sich hochgekämpft hat, fühlt sich anders an als einer, zu dem die Seilbahn fährt. Das Brennen in den Beinen gehört zur Belohnung dazu.
Ganz allein ist der Solo-Fahrer heute selten. Er hat ein Publikum, es sitzt nur nicht neben ihm. Strava, die Bestenliste in der Hosentasche, treibt ihn erst recht in die Anstrengung: Wer den King of the Mountain will, tritt bis zum Anschlag. Danach kommen die Kudos, der digitale Daumen. Gegründet haben die App zwei ehemalige Ruderer, die nach dem Studium das Teamgefühl ihrer Mannschaft vermissten und die Gemeinschaft absichtlich einbauten. Der Applaus tut gut, und er wirkt.
Nur kommt er mit Verspätung. Der Daumen erreicht den Fahrer Stunden später, zu Hause auf dem Sofa, von jemandem, der nicht dabei war. Der Kollege, der am Anstieg danebenkeucht, ist dabei, während es passiert. Er leidet dasselbe, im selben Moment, am selben Berg. Der Daumen belohnt die Leistung, wenn sie vorbei ist. Der Kollege teilt sie, während sie wehtut. Beides bindet, aber nicht gleich tief.
Die Nähe, die nicht hält
Es gibt eine Nähe, die vor allem im gemeinsamen Ausnahmezustand entsteht. An der Grenze der Anstrengung, nach acht Stunden im Regen, tritt alles andere in den Hintergrund: der Job, der Status, wer sonst was darstellt. Es zählt nur noch, dass alle dasselbe durchstehen. Der Anthropologe Victor Turner hat diesen Zustand beschrieben und ihm einen Namen gegeben: Communitas. Es ist das Hochgefühl der Gruppe am strengsten Punkt der Tour, wenn sich die Leute näher fühlen als je sonst.
Nur hält dieses Hochgefühl selten von allein. Es ist an den Ausnahmezustand gebunden. Zurück im Alltag kehren die alten Rollen zurück, und die besondere Nähe jenes Tages verblasst. Sie wird zur Erinnerung, nicht zur Verbindung. Wer mehr daraus machen will, muss nachlegen, mit der nächsten Tour, dem nächsten gemeinsamen Projekt. Doch was bleibt, wenn man den anderen für all das gar nicht mehr braucht?
Was wir uns entgehen lassen
Allein aufs Mountainbike zu steigen, ist nichts Neues. Das taten Fahrer immer, und viele lieben genau das: den Kopf frei, das eigene Tempo, keine Absprachen. Neu ist, wie gut das heute funktioniert. Wer früher allein loszog, verfuhr sich schon mal, kämpfte im Gegenwind, stand bei einem Defekt tief im Wald auf sich gestellt. Das Navi nimmt die Angst vor dem Verfahren, das Handy die vor dem Notfall, der Motor die vor dem langen Anstieg. Und wer will, bekommt abends in der App die Anerkennung, die früher nur die Gruppe geben konnte. Das ist ein Gewinn an Freiheit. Die meisten fahren trotzdem weiter gern zusammen, oft mit laufender Strava-Aufzeichnung. Nur braucht heute keiner mehr den anderen, um loszukommen. Wer zu zweit fährt, tut es aus Freude an der Gemeinschaft.
Beides hat seinen Sinn. Wer allein fährt, sucht den Beweis an sich selbst. Wer zusammen fährt, teilt etwas, das man allein nicht haben kann, auch wenn die Gruppe manchmal Druck macht statt Halt zu geben. Falsch ist keins von beidem. Es lohnt sich nur, zu wissen, was man aufgibt, wenn man den anderen immer öfter weglässt, bloss weil es einfacher ist. Doch es gibt noch eine dritte Art zu leiden, und sie zählt am meisten. Im Moment, in dem einer schwächelt und ein anderer zurückfällt, um bei ihm zu bleiben, gewinnt nicht nur der Schwache. Wer hilft, bekommt etwas zurück, das sich schwer kaufen lässt: das Gefühl, gebraucht zu werden. Studien zeigen, dass Helfen zufriedener macht als Hilfe zu bekommen, es senkt den Stress und gibt dem Tag einen Sinn. Der Stärkere, der am Gipfel steht und die Langsameren einholen lässt, hält sich für grosszügig. Dabei ist er es, der an diesem Tag am meisten mitnimmt.
Damit schliesst sich der Kreis zu jenem Mann in der Wüste. Tomas Quinones hatte an jenem Tag nichts zu gewinnen: keine Zeit, keine Bestenliste, keinen Kudos. Nur einen Fremden am Boden, den er zuerst für eine tote Kuh hielt. In dem Moment, in dem er hinsah und stehenblieb, wurde aus dem übersehenen Etwas ein Mensch. Und aus zwei Fremden zwei, die etwas teilten. Mehr braucht es nicht. Einen, der leidet, und einen, der es sieht.