Die Flow-Falle: Wenn das schönste Gefühl zur Gefahr wird | Ride MTB

Die Flow-Falle: Wenn das schönste Gefühl zur Gefahr wird

Flow-Trail

Zwei Minuten lang ist der Kopf leer: Kein Job, keine Angst, kein Schmerz. Nur der Trail, der nächste Meter, die Kurve. Das schönste Gefühl beim Mountainbiken. Und vielleicht das Gefährlichste.

Mountainbiker kannten diesen Moment lange bevor die Wissenschaft ihn benannte: Flow. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi prägte den Begriff 1975. Er beschreibt die völlige Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein, das Verstummen jeder Sorge. Wie gut sich das anfühlt, ist bekannt. Doch der Preis bleibt oft unerwähnt.

Flow ist eine Droge

Der Rausch im Flow ist echt, der Körper erzeugt ihn selbst. Der Neurowissenschaftler Arne Dietrich nennt den Mechanismus transiente Hypofrontalität: Balance halten, Tempo lesen, in Echtzeit reagieren. Das fordert das Gehirn so stark, dass es jene Areale herunterfährt, die für Grübeln, Planen und Selbstbeobachtung zuständig sind. Der innere Kritiker verstummt. Gleichzeitig flutet eine Kaskade körpereigener Botenstoffe das System: Dopamin, Noradrenalin, Endorphine, Anandamid. Dieselben Rezeptoren, an die exogene Rauschmittel andocken, bedient der Körper hier selbst. Und es ist der Grund, warum das Gehirn diesen Zustand wieder will. Nicht irgendwann. Bald.

Die Dosis muss steigen

Csikszentmihalyi formulierte eine Bedingung für Flow: Anforderung und Können müssen sich die Waage halten. Steigt das Können, wird dieselbe Strecke langweilig. Wer im Flow bleiben will, muss nachlegen: steiler, schneller, anspruchsvoller. Was als gesunder Fortschritt beginnt, endet immer im selben Punkt: Man will mehr. Die alte Dosis wirkt nicht mehr.

Klingt nach Sucht? Sarah Partington und ihr Team befragten 2009 fünfzehn Elite-Surfer, die die grössten Wellen der Welt meistern. Die Surfer berichteten vom Glück im Flow und im selben Atemzug von Symptomen, die jeder Suchtmediziner kennt: Kontrollverlust, das Ignorieren von Gefahr, das Schrumpfen des Lebens auf die eine Sache. Fiel die Welle aus, kamen Reizbarkeit und Leere. Entzug.

Das gilt nicht nur für Surfer. Untersuchungen an Ausdauerathleten zeigen regelmässig deutlich höhere Werte für Sportabhängigkeit als in der Allgemeinbevölkerung, die Schätzungen schwanken aber je nach Messmethode stark. Mountainbiken taucht in solchen Studien kaum auf, ausgenommen ist es deswegen nicht.

Die ausgeschaltete Warnlampe

Hier schliesst sich der Kreis. Der gefährliche. Genau in dem Moment, in dem der Flow nach mehr Risiko verlangt, nimmt er die Fähigkeit, dieses Risiko zu sehen. Julia Schüler und Jeanne Nakamura zeigten 2013 in Studien mit Kajakfahrern und Kletterern, wie das funktioniert: Der Flow hebt das Gefühl der eigenen Wirksamkeit. Man erlebt sich als kompetent, sicher, fehlerfrei. Dieses Hochgefühl drückt die Risikowahrnehmung nach unten. Wer tief im Flow steckt, schätzt die Gefahr geringer ein und handelt riskanter. Genau dann, wenn es zählt.

Entscheidend ist, wen es trifft. Erfahrene Fahrer korrigieren intuitiv, ihr Körper trägt jahrelang gespeicherte Muster. Bei den weniger Erfahrenen versagt diese Korrektur. Sie überschätzen ihre Grenzen am stärksten und stürzen genau dann, wenn sie sich am sichersten fühlen. Die Warnlampe leuchtet nicht, weil der Strom abgestellt ist.

Das ist die Falle: Nicht, dass Flow süchtig machen kann. Sondern dass er den Mechanismus lahmlegt, der vor der Eskalation schützen würde. Niemand muss deswegen aufhören zu fahren. Der Flow ist ein Geschenk. Man darf ihn nur nicht mit dem Leben verwechseln. Die nächste Abfahrt fühlt sich an wie immer. Nur schneller. Die nächste Dosis.