Festgefahren am Fortschritt: Wie Technik Mountainbiker in die Irre führen kann | Ride MTB

Festgefahren am Fortschritt: Wie Technik Mountainbiker in die Irre führen kann

Festgefahren

Wer heute mit dem Mountainbike in die Berge fährt, muss weniger können als je zuvor. Navigation, Wetterlesen, Aufstieg, Selbsteinschätzung: Was früher zum Sport gehörte, erledigt zunehmend die Technologie. Wer sich blind darauf verlässt, verschätzt sich leicht. Was bleibt vom Fahrer, wenn die Technik immer mehr übernimmt?

Ein deutscher Mountainbiker steht im Mai 2023 im hüfttiefen Schnee am Fimberpass, 2609 Meter über Meer. Eine Polizeistreife hatte ihn gewarnt: Der Pass sei wegen Neuschnee unpassierbar. Er fuhr trotzdem, vertraute seinem Navi mehr als den Leuten, die den Berg kennen. Der Hubschrauber holte ihn raus. Unverletzt, festgefahren. Nicht das Navi versagte, sondern sein Urteil. Wer sich blind auf die Technik verlässt, verlernt richtig einzuschätzen.

Aufstieg und Technologie: Was der Körper früher verraten hat

Wer eine Bergtour plant, schaut heute auf den Bildschirm: Eine Singletrail-Map zeigt die Route, Meteoblue das Wetter, Strava die Zeit der anderen. Das Navi führt, der Motor unterstützt, die Bergbahn erleichtert den Aufstieg. Vieles, was früher Vorbereitung voraussetzte – Karte lesen, Wetter einschätzen, das eigene Können kennen – erledigt heute eine App. Das ist kein Vorwurf, sondern der Stand der Dinge. Nur bleibt er nicht folgenlos.

Was die Technologie übernimmt, geht dem Fahrer mit der Zeit verloren. Der Aufstieg ist mehr als Training. Er sagt einem, wie es um die eigenen Kräfte steht: Reichen die Reserven für den Rückweg? Zieht das Wetter an? Wo liegt heute meine Grenze, und wie nah bin ich ihr schon? Diese Antworten liefert kein Bildschirm, sondern der Berg und der eigene Körper. Genau hier setzt die Technik an: Wer Motor, GPS, Sesselbahn und Wetter-App als Werkzeug nutzt und sein Urteil trotzdem schärft, gewinnt sogar dazu. Wer sich blind darauf verlässt, verliert den Sensor, den sie eigentlich ergänzen sollten.

Der Psychologe Bernhard Streicher, der zu Risikoverhalten im Bergsport forscht, nennt das keine Selbstüberschätzung, sondern eine Fehleinschätzung. Der Unterschied ist wichtig: Selbstüberschätzung setzt Arroganz voraus, Fehleinschätzung hingegen nur, dass die Information fehlt. Was nah ist – der schöne Trail am Gipfel, das aktuelle Wetter – wirkt konkret und planbar. Was fern ist – das Gewitter in zwei Stunden, die leere Akkuanzeige, die eigene Erschöpfung in der Abfahrt – bleibt abstrakt, bis es eintritt. Das ist die menschliche Wahrnehmung, verstärkt durch Technologie, die das Nahe noch näher und das Ferne noch unsichtbarer macht. Der Fahrer entscheidet nicht per se schlechter als früher. Aber er entscheidet mit weniger von dem, was ihn früher gewarnt hätte: weniger Gespür für den eigenen Körper, weniger Gefühl für die Lage. Wohin das führt, zeigen die Einsatzzahlen der Bergrettung.

Bergrettung: Vier von zehn Geretteten ohne Sturz

Die Bergrettung registriert seit Jahren mehr Einsätze. Das Paradoxe dabei: die Zahl der Verletzungen hat abgenommen. Im Schweizer Bergsport wurden 2025 fast 4000 Personen gerettet, elf Prozent mehr als im Schnitt der Vorjahre. Fast vier von zehn waren unverletzt. Bei diesen Unverletzten waren 84 Prozent blockiert, sie sassen fest und kamen nicht mehr selbständig aus dem Gelände heraus. Sie hatten sich verschätzt, im Weg, im Wetter oder in den eigenen Kräften. Gleichzeitig sank die Zahl der Todesfälle auf den tiefsten Stand der letzten zehn Jahre. Der Bergsport wird also sicherer und braucht trotzdem mehr Rettungen. Oder ist es genau umgekehrt?

Der Schweizer Alpen-Club (SAC) schreibt, eine mögliche Erklärung sei, dass dank Handy und besserem Mobilnetz schneller Hilfe gerufen werde. Bergrettungen fänden heute oft statt, bevor eine Verletzung entstehe. Das ist die freundliche Lesart. Der SAC nennt aber noch einen zweiten Grund: mangelnde Tourenplanung. Mehr Leute kommen in Gelände, das sie ohne diese Sicherheitsnetze und technischen Unterstützungen nie betreten hätten. GPS-Track, Motor, Bergbahn: Sie machen es möglich. Und im Hinterkopf fährt die Gewissheit mit, dass im Notfall jemand kommt. Die Bergrettung ist selbstverständlich geworden. Niemand plant mit ihr, aber jeder weiss, dass sie bereit steht. Diese Gewissheit verschiebt, was man sich zutraut und wohin man sich wagt.

Mountainbiken fehlt in der SAC-Statistik, da es nicht zum klassischen Bergsport gezählt wird. Wo es erfasst wird, zeigt sich dasselbe Bild: Die deutsche Bergwacht Garmisch-Partenkirchen in Oberbayern zählte 2025 69 MTB-Einsätze, neunzehn Prozent mehr als im Vorjahr. Was sie in Not bringt, ist nicht das Bike selbst, sondern die Route, die sie wählen, und die Einschätzung, ihr gewachsen zu sein. Motor und Technik lassen ein Gelände machbar erscheinen, das der Fahrer nicht beherrscht

Der Berg bleibt derselbe

Die Bergrettungszahlen beweisen nichts. Sie zeigen einen Trend, mehr nicht. Aber Trends haben eine Richtung, und dieser hier zeigt, dass mehr Menschen in Gelände kommen, aus dem sie nicht mehr aus eigener Kraft herauskommen. Man kann darin auch das Gute sehen: Der Berg war lange exklusiv. Motor, GPS und Bergbahn öffnen ihn für Ältere, für Berufstätige, für Einsteiger. Wer den Verlust des alten Könnens beklagt, beklagt vielleicht nur den Verlust eines Vorrechts. Das Argument ist stark. Es erklärt nur nicht, warum immer mehr auf Hilfe von aussen angewiesen sind, um wieder herunterzukommen. Ob Technologie die Ursache ist oder nur ein Teil davon, ist offen. Dass sie den Zugang zum Berg grundlegend verändert hat, nicht.

Das ist der eigentliche Kern, der Motor ist nebensächlich. Entscheidend ist, was passiert, wenn ein Sport seine Einstiegshürden senkt: nicht durch bessere Ausbildung, sondern weil die Technologie mehr abnimmt. Vieles wird einfacher: der Aufstieg, die Orientierung, der Ruf nach Hilfe. Der Berg selbst nicht. Wer die Technik als Werkzeug nutzt, kommt sicherer hinauf und herunter. Wer sich blind auf sie verlässt, steht oben vor denselben Gefahren, nur ohne das Gespür dafür. Was sich verändert, ist die Illusion, man müsse ihm nicht mehr gewachsen sein.

Die Technik nimmt dem Fahrer viel ab. Vielleicht auch das, worum es früher ging: Die eigene Grenze zu suchen, bevor sie einen findet.