Gefährliche Gewohnheit: Biker und Reh tappen in dieselbe Falle
Wir gewöhnen uns an fast alles. An den Weg zur Arbeit, den wir irgendwann gehen, ohne nachzudenken. An das Klickpedal, aus dem sich der Fuss irgendwann wie von selbst ausklinkt. Meistens ist das gut so, es spart Kraft und Aufmerksamkeit. Bis zu dem Moment, an dem genau das, was wir ausgeblendet haben, wichtig gewesen wäre. Im Wald trifft das ein Reh. Auf dem Trail den Mountainbiker.
Das Tier bleibt aus Klugheit stehen
Flucht kann Leben retten oder Leben kosten. Jeder Sprung ins Dickicht verbrennt Energie, die im Winter über Leben und Tod entscheidet. Ein Reh, das vor jedem Mountainbiker davonrennt, verhungert schneller, als dass ihm die Flucht das Leben retten würde. Also gewöhnt es sich an den Menschen auf dem Trail, der mal schnell, mal langsam vorbeizieht und nie etwas tut. Vorausgesetzt natürlich, es ist nicht zufällig der Jäger auf dem E-Bike, das Gewehr auf dem Rücken. Und das Reh? Es sieht keinen Unterschied.
Dabei unterscheidet das Wild sehr genau. Rothirsche im Nationalpark Kellerwald-Edersee mitten in Deutschland blieben ruhig, wenn ein Wanderer auf dem Weg vorbeikam und flohen jedes Mal, sobald einer querfeldein durchs Gelände stapfte. Was sie erschreckt, ist nicht in erster Linie der Mensch, sondern die Abweichung vom Normalen. Wer sich berechenbar bewegt, ob zu Fuss oder auf dem Mountainbike, wird Teil der natürlichen Landschaft. Wer vom Weg abkommt, wird zur Bedrohung.
Das heisst nicht, dass Abseits-vom-Weg-Fahren dem Wild weniger schadet. Im Gegenteil, das stört akut am heftigsten. Das Tier erschrickt, springt auf und flieht. Beim Reh neben dem Trail zeigt sich der Schaden anders: nicht sofort, sondern erst Monate später. Das Tier lernt die Regel «Mensch auf dem Weg tut nichts» so gründlich, dass es sie auch dann noch befolgt, wenn sie tödlich ist. Am genauesten untersucht ist das bei der Gämse: Eine Studie aus den französischen Alpen hat 89 Tiere mit GPS verfolgt, durch die Wandersaison und die anschliessende Jagd. Die Tiere, die sich im Sommer am stärksten an die Menschen gewöhnt hatten, blieben auch im Herbst die ruhigsten, als statt der Wanderer der Jäger kam. Der Hochsitz ist gebaut, versteckt zwischen den Bäumen, gleicher Ort, gleiche Zeit, gleiche ruhige Bewegungen wie die Mountainbiker und Wanderer davor. Beim Reh ist nichts anderes zu erwarten. Es stirbt nicht, weil es dumm ist, im Gegenteil. Es stirbt, weil es gut gelernt hat.
Die Expertenfalle: Wenn Erfahrung zum Risiko wird
Man muss kein Reh sein, um so zu sterben. In der Lawinenforschung spricht man von der Expertenfalle: Rund die Hälfte der Lawinenopfer der letzten Jahre waren erfahren und gut ausgebildet. Sie verunglückten nicht, weil das angeeignete Wissen nur wenig taugt, sondern weil es darüber hinaus ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln kann. So macht ausgerechnet die Erfahrung blind, die eigentlich schützen soll. Ging bisher immer gut.
Wir bauen unser Vertrauen auf allem, was in der Vergangenheit gut ausging. Der Sprung, den wir bisher immer gestanden haben, die Wurzeln auf dem Hometrail, die wir blind kennen. Jede geglückte Wiederholung macht uns sicherer und ein kleines Stück blinder. Bis hinter der Wurzel ein Stein liegt, der vorher nicht da war. Beim Reh ist es kein Stein, sondern der Jäger auf dem Hochsitz. Meistens taucht keiner von beiden auf. Bis zu dem einen Mal. Und dieses eine Mal kündigt sich nicht an, denn alles sieht genauso aus wie gewöhnlich. Beim Reh kommt die Gefahr von aussen, bei uns von innen. Unser Jäger ist das eigene Vertrauen.
Vorsicht lässt sich nicht erzwingen
Also einfach besser aufpassen? Wenn es nur so einfach wäre. Vorsicht lässt sich nicht befehlen. Niemand fährt seinen Hometrail mit derselben Anspannung wie beim ersten Mal, nur weil er sich das vornimmt. Der lockere Griff, das hohe Tempo, die verspielte Fahrweise: Diese Entspanntheit hat man sich über unzählige Fahrten hart erarbeitet und legt sie nicht freiwillig wieder ab. Das Reh sitzt in derselben Klemme. Auch seine Sorglosigkeit legt es nicht von selbst ab. Beim Wild wie bei uns braucht es zuerst einen Anstoss, den sich eigentlich keiner wünscht.
Was die Vorsicht zurückbringt, ist ein Schreckmoment: Das Reh, das einen Schuss überlebt, kann danach wieder scheu sein. Der Fahrer, der einmal stürzt und wieder aufsteht, fährt danach vorsichtiger. Ausgerechnet der Sturz bringt zurück, was den Sturz verhindert hätte. Man kommt aus der Falle heraus, aber erst, nachdem man drin war.
Es gibt noch einen zweiten Ausweg. Das Auerhuhn im Schwarzwald gewöhnt sich nicht an die Menschen. Es geht. Es meidet die Wege so gründlich, dass ihm je nach Jahreszeit bis zu 40 Prozent seines Lebensraums verloren gehen. Wer sich nicht gewöhnen will, muss verschwinden. Sicherheit hat also ihren Preis. Und wer gibt seinen Hometrail schon freiwillig auf?
Niemand verzichtet gerne. Also machen wir weiter und verlassen uns darauf, dass es schon gutgeht. Während der Jäger des Rehs auf dem Hochsitz lauert, sitzt unserer in uns. Er ist das gute Gefühl, dass bisher alles gutging. Und wie das Reh können wir dieses Gefühl nicht einfach abschalten, wenn es einmal darauf ankäme. Das ist es, was der Wald uns zeigt: Nicht nur der Leichtsinn ist gefährlich, sondern ebenso die Erfahrung. Die grösste Gefahr lauert nicht dort, wo wir Angst haben, sondern dort, wo wir keine mehr haben.
Bleibt zum Schluss eine Frage: Wenn schon das Kluge, das Geübte, das tausendfach Bewährte zur Falle wird, worauf sollen wir uns dann noch verlassen? Vielleicht ist die ehrlichste Antwort die unbequemste: auf nichts ganz.