Mountainbiken im Sonnensystem: Wo ist es besser als auf der Erde?
Die Anforderungen sind simpel: Schwerkraft, festen Boden, Atemluft und eine Temperatur, bei der man die Finger am Bremshebel noch spürt. Acht Planeten und 200 Monde könnten diese Bedingungen theoretisch erfüllen. Theoretisch.
Mars: Roter Staub, grosse Träume
Anreise: Sieben Monate reine Flugzeit. Wer kann, plant die Ankunft im Januar, wenn am Marsäquator bis zu 20 Grad herrschen. Ein kurzes, trügerisches Frühlingsfenster.
Der Mars ist der ernsthafteste Kandidat im Sonnensystem. Das Valles Marineris, ein Canyonsystem, das Europa von West nach Ost durchschneiden würde, ist bis zu zehn Kilometer tief, mit Wänden zwischen 15 und 30 Grad Neigung. Alpin, mit Geröllfeldern, senkrechten Abbruchkanten und gewaltigen Schutthalden. Kein Gelände auf der Erde erreicht diese Dimensionen.
Die Schwerkraft beträgt 38 Prozent der Erde. Ein Bunnyhop von einem halben Meter wird zu 1,3 Metern. Ein Drop aus zwei Metern dauert fast eine Sekunde, genug Zeit, um in der Luft die Linie zu überdenken.
Dann gibt es noch den Olympus Mons: 22 Kilometer hoch, der grösste Vulkan des Sonnensystems. In Foren oft als ultimatives Downhill-Ziel genannt. Die Realität: Die Flanke hat eine Durchschnittsneigung von fünf Grad, flacher als eine Tiefgarageneinfahrt. Der grösste Berg des Sonnensystems eignet sich besser als Zeitfahrkurs denn als Downhill-Trail.
Das Gelände ist vielversprechend, der Rest kompromisslos. Die Atmosphäre ist 99 Prozent dünner als auf der Erde: kein Sauerstoff, kaum Luftwiderstand beim Bremsen. Die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 55 Grad. Standarddämpferöl wird zäh wie Harz und blockiert jede Federung. Ein E-Bike-Akku wird dauerhaft ruiniert, sobald man ihn bei dieser Kälte lädt. Die Strahlungsdosis auf der Marsoberfläche beträgt rund 233 Millisievert pro Jahr, gemessen vom NASA-Rover Curiosity: hundertmal mehr als auf der Erde. Ein längerer Aufenthalt ohne Strahlungsschutz ist tödlich.
Mars: Bestes Gelände im Sonnensystem. Leider unbewohnbar, ohne Sauerstoff und tödlich bestrahlt. Aber sonst: perfekt.
Mond: Näher, aber messerscharf
Anreise: 73 Stunden. Ein verlängertes Wochenende, wie Apollo 11 es 1969 bewies.
Die Physik des Mondes ist für Freerider zunächst berauschend. Ein Sechstel der Erdschwerkraft: derselbe Kicker, derselbe Abflugwinkel wie zuhause, aber 24 Meter Weite, sechs Meter Höhe, 5,5 Sekunden in der Luft. Auf dem Mond wird jeder Mountainbiker zum Rampage-Profi.
Das Problem ist der Boden. Lunarer Regolith ist kein normaler Dreck. Auf der Erde schleifen Wind und Wasser jedes Gesteinspartikel über Jahrmillionen glatt. Auf dem Mond gibt es weder Wind noch Wasser, sondern nur Mikrometeoriteneinschläge seit über vier Milliarden Jahren. Was bleibt, sind Partikel, die nicht gerundet, sondern gespalten wurden. Der Astronaut Gene Cernan beschrieb Mondstaub als „pulverisiertes Glas“. Er ist elektrostatisch aufgeladen, klebt an allem und ist so abrasiv, dass er die äusseren Kevlar-Lagen der Apollo-Raumanzüge innerhalb weniger Tage durchschliff. NASA-Ingenieure entwickeln bis heute spezielle Dichtungssysteme, um ihn aus mechanischen Bauteilen fernzuhalten.
Ein Mountainbike überlebt den zweiten Trail nicht, die Gabeldichtungen halten gegen diesen Silikatstaub keine zehn Kilometer. Das Schmierfett in den Lagern wird zur Schleifpaste. Dazu die Temperaturen: plus 127 Grad auf der Sonnenseite, minus 173 im Schatten, je nachdem, wo man sich gerade befindet. Dämpferöl wechselt in diesem Spektrum zwischen Wasser und Teer.
Mond: Beste Airtime im Sonnensystem. Der Staub erledigt den Rest.
Titan: Das absurde Highlight
Anreise: Sieben Jahre. Die Cassini-Huygens-Sonde schaffte es 1997 bis 2004, mit Swing-bys an Venus, Erde und Jupiter.
Titan, der grösste Mond des Saturn, ist der einzige Körper im Sonnensystem ausser der Erde mit einer dichten Atmosphäre. Diese Atmosphäre ist viermal dichter als unsere. Kombiniert mit einer Schwerkraft von nur 14 Prozent der Erde ergibt sich etwas Unglaubliches, das Physikstudenten der Universität Leicester 2014 durchgerechnet haben: Ein Mensch mit einem handelsüblichen Wingsuit könnte auf Titan aus eigener Muskelkraft abheben. Kein Motor, kein Antrieb. Anlaufen, Arme spreizen, losfliegen. Randall Munroe formulierte es in seinem Physikprojekt „What if? “ so: „Our Cessna could get into the air under pedal power. In fact, humans on Titan could fly by muscle power. “ Schwimmflossenähnliche Stiefel und Flatterarme reichen, der Auftrieb entsteht praktisch von selbst.
Was das für das Mountainbiken bedeutet: Wer auf Titan einen Hang hinunterfährt und am Ende abhebt, landet nicht nach einer Sekunde. Er gleitet. Wingsuit-Enduro wäre kein Marketing-Begriff, sondern physikalische Realität. Die NASA profitiert von diesen Eigenschaften: Die Dragonfly-Drohne startet 2028 Richtung Titan und landet 2034. Eine Drohne, die dort mit 38-mal weniger Energie schwebt als auf der Erde. Für Mountainbiker leider unbemannt.
Dann kommt das Aber: Minus 179 Grad Celsius. Gummireifen zerspringen bei diesen Temperaturen wie Glas. Karbonrahmen delaminieren. Schmierfett erstarrt. Kein bekanntes Material, das in einem handelsüblichen Mountainbike verbaut ist, überlebt diese Kälte auch nur annähernd.
Titan: Das einzige Ziel, wo jeder Absprung zum Abflug würde.
Venus: 90 Prozent Erde, 100 Prozent tödlich
Anreise: Vier Monate. Die sowjetische Sonde Venera 13 schaffte es bereits 1981 und überlebte auf der Oberfläche 127 Minuten, bevor sie gekocht und zerquetscht wurde.
Die Venus ist die grösste Enttäuschung des Sonnensystems. Schwerkraft: 90 Prozent der Erde. Das Bike fühlt sich vertraut an. Kein Eingewöhnen, kein Neukalibrieren. Das Körpergefühl wäre fast identisch wie zuhause, theoretisch das komfortabelste Fahrerlebnis im gesamten Sonnensystem.
Praktisch herrscht auf der Venusoberfläche ein Atmosphärendruck von 93 bar. Das entspricht dem Druck in 900 Metern Meerestiefe. Bleischmelze beginnt bei 327 Grad. Auf der Venus wäre das noch kalt, dort herrschen 464 Grad. Zink schmilzt. Zinn schmilzt. Der Aluminiumrahmen hält etwas länger, aber nicht viel.
Und das Kohlendioxid. Bei 93 bar und 464 Grad verschwimmt die Grenze zwischen Gas und Flüssigkeit: superkritisch nennt das die Physik. In der Industrie löst superkritisches CO₂ organische Substanzen rückstandslos aus Materialien. Die Venusatmosphäre ist voll davon. Das Schmierfett aus jedem Lager, jeder Gabel, jedem Dämpfer, weg, in Sekunden, bevor die Hitze überhaupt Zeit hat, den Rest zu erledigen. Venera 13 hielt knapp zwei Stunden durch. Ein Mountainbike käme nicht bis ans Ende der ersten Kurve.
Venus: Schwerkraft perfekt. Alles andere: sofortiger Tod.
Der perfekte MTB-Planet
Was wäre also der perfekte Mountainbikes-Planet? Vielleicht liegt die Antwort weiter draussen. Viel weiter.
Der beste bekannte Kandidat heisst TRAPPIST-1e. Er kreist um einen Stern in unserer Galaxie, 40 Lichtjahre entfernt, im kosmischen Massstab ein Nachbar. Schwerkraft 93 Prozent der Erde, in der habitablen Zone seines Sterns, dort, wo Temperaturen flüssiges Wasser theoretisch erlauben. Das James-Webb-Teleskop erkundete ihn 2025 erstmals genauer. Ergebnis: Es könnte eine Atmosphäre geben. Vielleicht. Zusammensetzung ungewiss, das Gelände ist vollständig unbekannt. Und die Anreise mit Voyager 1, dem Objekt, das die Erde am weitesten hinter sich gelassen hat, dauert 73.000 Jahre, rund 2.500 Menschengenerationen. Eine Reiserücktrittsversicherung gibt es für dieses Ziel noch nicht.
Mars, Mond, Titan, Venus, TRAPPIST-1e. Jeder Kandidat hat etwas, keiner hat alles. Zu wenig Schwerkraft oder zu viel. Zu kalt oder zu heiss. Zu dünn oder zu dicht. Zu weit oder zu tödlich.
Unser Sonnensystem hat acht Planeten, die Milchstrasse hat schätzungsweise 100 Milliarden. Irgendwo da draussen gibt es einen besseren Ort zum Mountainbiken als hier. Bleibt nur eine Frage: Welcher?