Bergbahnsterben: Was verliert das Mountainbiken? | Ride MTB

Bergbahnsterben: Was verliert das Mountainbiken?

Bergbahnsterben

Der Fall Lac Blanc ist klar: Der Bikepark läuft gut, trotzdem soll der Lift verschwinden. Solche Widersprüche häufen sich. Was bedeutet das für das Mountainbiken, das mit diesen Bahnen gross geworden ist?

Der Sessellift Montjoie am Lac Blanc in den Vogesen wurde 2005 für Skifahrer gebaut. Zwei Jahre später kam ein Bikepark dazu, der heute zu einem der grössten in Frankreich zählt. Die Hälfte des Liftumsatzes entstehe mittlerweile ausserhalb des Winters, sagt Betreiber Patrice Perrin. Dennoch wurde am 1. Juli 2026 einstimmig gegen das Weiterlaufen des Liftes entschieden. Der Schnee bleibe aus, das Skigebiet rechne sich nicht mehr wie früher. Steht der Lift still, ist auch der Bikepark Geschichte. Am Lac Blanc zeigt sich damit ein bekanntes Muster: Die Bahn wurde für Skifahrer gebaut, Mountainbiker kamen später dazu. Solange der Winter genug einbrachte, konnte der Bikepark einfach mitlaufen. Jetzt nicht mehr.

Wer den Lift wirklich braucht

Skifahrer und Snowboarder brauchen einen Lift, der sie auf den Berg bringt. Ohne Bahn gäbe es den Sport auf der Piste kaum. Bei Mountainbikern ist das anders. Der Tourenfahrer war nie auf eine Bahn angewiesen, der Cross-Country-Fahrer erst recht nicht, für ihn gehört der Anstieg zur Herausforderung. Endurofahrer nehmen den Sessel gern, wenn einer da ist, aber sie kommen auch ohne hinauf, und E-Biker sowieso. Dennoch benutzen viele Mountainbiker den Lift gern, nicht als Voraussetzung, sondern um sich den Aufstieg zu erleichtern, grössere Runden zu fahren oder weiter oben in die Tour einzusteigen, oft in Kombination mit eigenem Hochtreten. Eine Ausnahme gibt es: der klassische Downhiller. Mit 200 mm Federweg ist sein Fahrrad schwer, Geometrie und Komponenten sind für das Herunterbolzen optimiert. Er ist der eigentliche Kunde des Bikeparks. Ohne Lift oder Shuttle kommt er nicht weit.

Ski und Mountainbike teilten sich lange dieselbe Bahn, aber nicht dieselbe Abhängigkeit. Für Skifahrer ist sie Voraussetzung. Für viele Mountainbiker ist sie Werkzeug, Komfort, Trainingsgerät, Treffpunkt. Gerade darum trifft ihr mögliches Ende die Szene ungleich. Manche verlieren eine Bequemlichkeit, andere eine ganze Disziplin.

Als der Winter die Bahn trug

Dass Skifahrer und Mountainbiker sich so lange dieselbe Bahn teilen konnten, hatte einen einfachen Grund: Der Winter hielt sie am Laufen. Die Bahn war da, der Wintertourismus brachte genug Geld ein, und der Bikepark konnte dazukommen. Bergbahnen wurden mit Gemeindegeld gebaut, mit Kantonsgeld, mit Aktien von Einheimischen. Getragen wurden sie trotzdem vor allem vom Winter, ganz einfach weil der Wintertourismus über Jahrzehnte das grössere Geschäft war: mehr Gäste, mehr Umsatz, auch wenn die Saison kürzer ist. Mit ausbleibendem Schnee bricht dieses grössere Geschäft weg.

Was am Lac Blanc passiert, ist deshalb kein Einzelfall. Der Geograf Pierre-Alexandre Metral hat es gezählt: 168 aufgegebene Skigebiete allein in Frankreich. In den Vogesen ging es zuletzt schnell: Ventron gab 2020 auf, Le Gaschney 2025, beim Rouge-Gazon wurde der Liftbetreiber im Oktober 2025 eingestellt. Jetzt der Lac Blanc.

Naheliegend wäre die Annahme, ein gut laufender Bikepark könne diese Lücke einfach füllen. Doch als der Zweckverband die Konzession neu ausschrieb, bot niemand. Der Sommer allein trägt die Bahn nicht. Und der Winter tut es auch nicht mehr. Selbst ein gut laufender Bikepark reicht also nicht, um die Bahn zu retten.

Der Sommer ist nicht einfach der neue Winter

Der Lac Blanc ist ein Beispiel dafür, was sich in vielen Destinationen wiederholen dürfte. Winter und Sommer wurden selten als gleichrangig behandelt, sie liefen unter demselben Dach, aber mit klarer Rangordnung: Der Winter war die Hauptsache, der Sommer die Zugabe. Diese Rangordnung war lange Zeit gerechtfertigt und funktionierte, solange der Winter das grössere Geschäft blieb. An vielen Orten gilt sie noch immer, obwohl sie immer weniger zur aktuellen Lage passt. Selbst wenn Schnee und Nachfrage sich verschieben, steckt diese Rangordnung noch immer in Verfahren, Zuständigkeiten und in der Vorstellung, wofür eine Bergbahn gebaut wurde.

Laut einer Studie der Universität für Bodenkultur Wien wachsen die Übernachtungszahlen im Alpensommer inzwischen schneller als im Winter. Setzt sich dieser Trend fort, ergänzt der Sommer nicht mehr bloss den Winter. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass er ihn einfach ersetzt. Vielleicht liegt der nächste Fehler gerade darin, den Sommer im Modell des Winters weiterdenken zu wollen. Dann steht nicht nur eine andere Saison im Vordergrund, sondern womöglich auch eine andere Art, den Berg zu nutzen. Der Winter rechtfertigte seine Lifte aus seiner eigenen Logik: möglichst viele Fahrten auf der Piste in kurzer Zeit. Im Sommer geht es seltener nur darum, so oft wie möglich dieselbe Strecke zu fahren. Dass der Sommer wächst, heisst also noch lange nicht, dass sich dieselbe Bahn weiter rechnet.

Mehr als nur Transport

E-Bikes werden von Generation zu Generation leichter und ausdauernder, und mit ihnen wird der grössere Teil der Mountainbiker vom Lift unabhängiger, nicht abhängiger. Gebunden an eine Bahn bleibt vor allem der Downhiller und andere Formen des Fahrens, die ganz auf den Bikepark ausgerichtet sind. Gerade für die Mountainbike-Community ist das keine Nebensache. Der Lift bringt nicht nur Menschen nach oben, er formt auch einen Teil des Charakters des Sports. Fällt er als Gewohnheit weg, geht es nicht nur um Transport. Es geht um die Frage, welche Art von Mountainbiken im Alpenraum weiter wächst.